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Das in den letzten Jahren gewachsene Interesse der Kommunikationswissenschaft an medienethischen Fragen hat auch in Deutschland eine beachtliche Fülle an fall- und anwendungsorientierten Veröffentlichungen mit sich gebracht. Einschlägige theoretisch-philosophische Arbeiten sind dagegen eher selten anzutreffen, und wenn doch, dann sind sie interessanterweise theologisch dominiert (z.B. Funiok 1996, Holderegger 1992 und Wunden 1989). Der mehrfach angemahnte Dialog zwischen Ethikern und Kommunikationswissenschaftlern hat offensichtlich gerade erst begonnen (vgl. Wunden 1996, Holderegger 1992a). Ich möchte dies zum Anlaß von theoretischen Überlegungen zu Funktion, Begründung und innerer Differenzierung der Medienethik nehmen.
Eine allgemeine Bestimmung der Medienethik kann gegenstandsorientiert entwickelt werden, also mit Blick auf ihre Inhalts- und Anwendungsbereiche (so bei Loretan 1994), oder nach funktionalen Gesichtspunkten, also mit Rücksicht auf die von der Medienethik erwarteten Leistungen. Ich halte eine funktionale Bestimmung für die sinnvollere, da umfassendere Herangehensweise, denn durch sie werden Funktionen, Aufgaben und Inhaltsbereiche von vorne herein systematisch einander zugeordnet. Ich unterscheide zwei grundlegende Funktionen der Medienethik, nämlich die Steuerungsfunktion und die Reflexionsfunktion: In der Steuerungsfunktion ist Medienethik ist als integrierendes, legitimierendes und motivbildendes Moment zu verstehen, und zwar auf der institutionellen und organisatorischen Ebene wie auch auf der Ebene des individuellen Handelns. In der Reflexionsfunktion hat Medienethik zum einen die medienkritische Aufgabe, die Operationen und Selektionen des Mediensystems und seiner Akteure unter ethischem Hinblick zu reflektieren, zum anderen hat sie die moralphilosophische Aufgabe, die medienethischen Prinzipien selbst zu begründen.
Meine These ist nun, daß Medienethik nur dann mehr sein kann als bloßes Beschwichtigungsritual und nachgereichte Legitimationserzeugung, wenn die Steuerungs- und die Reflexionsfunktion miteinander verbunden werden. Solange Medienethik nur als Steuerungsmechanismus auf der Grundlage des eingelebten Ethos sowie organisations- und individualmoralischer Normen betrachtet wird, fehlt ihr der kritische Maßstab, anhand dessen diese Normen und das Ethos zu beurteilen und gegebenenfalls zu verändern wären.1 Beschränkt sich die Medienethik hingegen ganz auf die Reflexionsfunktion und vernachlässigt dabei ihre praktische Umsetzung, so läuft sie Gefahr, zur rein akademischen Übung zu verkümmern. Angesichts des derzeitigen Übergewichtes der kommunikationswissenschaftlichen Position halte ich aber eine verstärkte Hinwendung zur moralphilosophischen Begründungs- und Reflexionsebene für sinnvoll. Im folgenden sollen nun die beiden Grundfunktionen der Medienethik genauer betrachtet und im Blick auf ihre Aufgaben und Inhaltsbereiche differenziert werden.
Die Steuerungsfunktion als integrierendes, legitimierendes und motivbildendes Moment ist auf zwei Ebenen von Bedeutung, nämlich auf der institutionell-organisationsinternen Ebene und auf der individuellen Ebene.
a) Auf der institutionell-organsationsinternen Ebene gehört hierzu erstens im weitesten Sinne die an ethischen Prinzipien orientierte institutionelle Verfaßtheit der Massenmedien,2 hinzu kommen Satzungen, Programmgrundsätze und Geschäftsordnungen, in denen Normen wie wahrheitsgemäße Berichterstattung, Sorgfaltspflicht, Menschenwürde, Diskriminierungsverbot und Recht auf Kritik öffentlicher Personen und Vorgänge niedergelegt sind; schließlich sind hier auch ethische Institutionen und Kontrollgremien, wie etwa der Deutsche Presserat oder der Deutsche Werberat, zu nennen. Zweitens gehören zu dieser Ebene medienspezifische Berufsnormen, die in berufsständischen Ethikkodizes, wie dem Pressekodex des deutschen Presserates, verankert sind, sowie das tradierte Ethos journalistischer Berufskultur, das in professionsspezifischen Werten wie Wahrheit, Objektivität, Richtigkeit, Sorgfaltspflicht, Kritik und Fairneß zum Ausdruck kommt. Hinzu kommen drittens ethische Selbstverpflichtungen auf Organisationsebene, die in formellen Organisationssatzungen niedergelegt sind oder informell als Organisationskultur gepflegt werden.3
b) Auf der individuellen Ebene finden wir erstens die allgemeinen moralischen Überzeugungen und Gewissensnormen des Individuums, also jene moralische Intuitionen, Werte und Normen, die als motivationale Handlungsorientierung und interne Steuerung des Individuums fungieren. Die hier vorfindliche individuelle Moralität läßt sich moralphilosophisch in Kategorien der Entwicklung des moralischen Urteils rekonstruieren (vgl. Habermas 1983, 127-206). Hinzu gehören zweitens die medienspezifischen moralischen Normen und Werte des Individuums, etwa der 'kritische Anspruch', die Selbstverpflichtung auf freie Information und Gegeninformation, die Norm der richtigen Berichterstattung oder die Idee der kritschen Öffentlichkeit. Diese zu einer professionellen Ethik zusammenfließenden Werte und Normen stehen in direktem Zusammenhang mit dem Weltbild und den allgemeinen moralischen Überzeugungen des Individuums. Schließlich gehören drittens konkrete journalistische Praktiken und Verhaltensweisen dazu, die vom Ethos des jeweiligen Individuums abhängen (z.B. individuelle journalistische Sorgfalt, Arbeits- und Recherchepraktiken, Unbestechlichkeit, Fairneß und Rücksichtnahme etc.). Sie meist durch eine Art 'osmotischen Sozialisationsprozeß' während der Ausbildung erworben.
Die institutionellen Werte und Normen und das organisationsintern praktizierte journalistische Ethos sind als Steuerungspotential des Mediensystems tatsächlich eher schwach und indirekt. Ihre Stärke liegt darin, daß sie eine notwendige Bedingung für ein an moralischen Prinzipien und Werten orientiertes journalistisches Handeln darstellen. In diesem Sinne ist es auch im Bereich der Medien die Aufgabe der institutionellen Ethik, den Rahmen und die Bedingungen der Möglichkeit für individuelles Handeln zu schaffen (vgl. Hubig 1993). Umgekehrt müssen die in diesem Rahmen handelnden Individuen aber auch über eine hinreichende moralisch motivierte Innensteuerung verfügen, denn der beste institutionelle Rahmen bleibt sinn- und folgenlos, wenn er nicht durch eine moralische Handlungspraxis der Individuen ausgefüllt wird. Analog dazu läuft aber auch die Moralität des Einzelnen ins Leere oder wird zum Kampf gegen Windmühlen, wenn den moralisch geleiteten Handlungen des Individuums keine entgegenkommenden institutionellen Strukturen unterliegen. Erst im Zusammenspiel von institutioneller und individueller Ebene kann die Medienethik als Steuerungspotential wirksam werden.
Freilich ist hier zu bedenken, daß auch bei optimalen medienethischen Rahmenbedingungen die Steuerungsfunktion der Medienethik durch konfligierende Systemfunktionen oft stark eingeschränkt wird. Systemische Imperative wie Rentabilität, Markt- und Zielgruppenorientierung, Konkurrenz-, Zeit- und Erfolgsdruck, aber auch strukturelle Zwänge der Organisation, wie Organisationsroutinen, Redaktionsmanagement, Arbeitsverteilung und 'redaktionelle Linie' können einem an medienethischen Werten und Normen ausgerichteten Handeln entgegenstehen. In der Medienpraxis sind Gewissenskonflikte und betriebsinterne Auseinandersetzungen damit vorprogrammiert. Solche Konflikte aber sind, wenn auch im Einzelfall belastend, im ganzen gesehen produktiv, da sie die je empirischen Grenzen der Ethik durch das Setzen ethischer Grenzen überschreiten. Wenn auf diese Weise ethisch geleitetes journalistisches Handeln zur Herausbildung einer anerkannten professionellen Ethik führt, kann dies zur Verbesserung und Sicherung von Qualitätsstandards beitragen, denn eine professionelle Ethik ermöglicht es den Journalisten "ihre Mühen als Dienst an der Öffentlichkeit zu verstehen, dies als Rechtfertigung von Autonomieansprüchen und als Grund für Interessenneutralität aufzufassen und dafür kritische Standards und professionellen Konsens zu institutionalisieren" (Luhmann 1996, 189).
Eine weitere Voraussetzung für die Wirksamkeit der Medienethik ist schließlich eine nicht nur in bildungs- und medienpolitischen Appellen postulierte, sondern tatsächlich praktizierte medienethische Reflexion. Medienethische Reflexion ist eine Beobachtung zweiter Ordnung, die nicht nur philosophische Begründungs- und Reflexionsleistungen erbringt, sondern zugleich Bildung von Öffentlichkeit über Öffentlichkeit ist. Auch bei der Reflexionsfunktion unterscheide ich zwei Ebenen, nämlich die Ebene der ethischen Reflexion des Mediensystems und die Ebene der ethischen Begründung und Reflexion der Medienethik.
a) Bei der ethischen Reflexion des Mediensystems geht es erstens um eine ethische Kontingenzreflexion, d.h. um die Reflexion der durch die medialen Operationen und Selektionen erzeugen Kontingenzen. Hierbei kann das Mediensystem gleichsam seine eigenen Beobachtungen unter ethischen Gesichtspunkten beobachten und reflektieren. Konkreter ausgedrückt ist hier etwa zu analysieren, warum, von wem, wie und mit welchen Folgen etwas ausgewählt und thematisiert wird; dabei geht es auch um die allgemeinere Problematik der Realitätskonstruktion durch die Medien (vgl. Luhmann 1996, Schulz 1990). Zweitens ist hier die kritische Reflexion von ethisch problematischen Inhalten, Vorgängen und Handlungen im Mediensystem zu nennen - diese öffentliche Reflexion der Öffentlichkeit ist das klassische Feld der fallstudienorientierten kommunikationswissenschaftlichen Medienethik.4 Im weiteren Sinne geht es hier aber auch um die kritische Analyse von problematischen medialen Formen wie z.B. Unterhaltung, Werbung oder Gewaltdarstellungen, und auch um kritische Diskurs- und Sprachanalyse, wie z.B. die Analyse von geschlechtsspezifischen Kommunikationsformen oder von Rhetorik und Demagogie in den Massenmedien. Drittens gehört hierzu auch die kritische Reflexion und Bewertung der technischen, institutionellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse des Mediensystems. Hier ist kritische Strukturanalyse gefragt, also etwa die Auseinandersetzung mit und die Bewertung von neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, die Analyse von medienpolitischen Prozessen und massenmedialen Organisationsformen (z.B. Rundfunkräte in den Sendeanstalten), die Untersuchung von Konzentrations- und Kommerzialisierungsbewegungen im Medienbereich, oder auch der Markt- und Machtabhängigkeit der Medien (z.B. Einschaltquoten, politische Einflußnahme).
b) Im Blick auf die ethische Begründung und Reflexion der Medienethik ist zunächst festzuhalten, daß Medienethik philosophisch betrachtet keine Sonderethik eigenen Rechts ist, sondern eine auf einen besonderen Gegenstands- und Handlungsbereich angewandte Ethik, und damit Teil der praktischen Philosophie. Allerdings muß die Medienethik (im Unterschied zur reinen Individualethik) immer schon mit Systemstrukturen rechnen. Massenkommunikation als durch technische Medien mehrstufig vermittelte und meist einseitige Kommunikation erfordert (ähnlich wie die Technikethik) ein systemisches Ethikverständnis und eine "Fernethik" (vgl. Gehlen 1986, 137ff.), die individuelle Handlungsverantwortung mit den systembedingten Folgeproblemen5 vermittelt.
Das philosophische Reflexionsgeschäft der Medienethik läßt sich dabei folgendermaßen umreißen: Erstens geht es darum, verschiedene Ansätze und Begründungsstategien der Ethik für die Medienethik fruchtbar machen.6 Für die Medienethik sind m.E. Ansätze aus der kommunikativen Ethik besonders interessant, da diese Ethikbegründung und ethisches Entscheidungsverfahren aus den Strukturen der Kommunikation selbst herleiten. So kann, wie Arens (1996) gezeigt hat, aus der Diskursethik nicht nur eine allgemeine Begründung für die Medienethik gewonnen werden, sondern es lassen sich aus ihr in Anknüpfung an die universalen Prinzipien Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit auch konkrete, normativ gehaltvolle Prinzipien für die Medienethik ableiten. Der Geltungsanspruch der Medienethik beruht damit also auf einer geltungskritischen Reflexion und einer situationsbezogenen Applikation universeller Normen. In diesem Zusammenhang gehört es auch zum Reflexionsgeschäft der Medienethik, ihre gesellschaftlichen Wirkungen und ihre eigenen Unterscheidungen zu thematisieren sowie die Grenzen dieser Unterscheidungen zu bestimmen (vgl. Brieskorn 1996).7 Die philosophische Begründung von medienethischen Grundsätzen kann so den gerade der Medienethik oft anhaftenden Verdacht der bloßen Zufälligkeit und Willkür überwinden. Aufbauend auf der allgemeinen Begründung der Medienethik kann dann an demokratietheoretische und gesellschaftlich-historische Elemente der Medienethik angeschlossen werden, etwa durch die Rekonstruktion der Ideen und normativen Gehalte von Aufklärung und Öffentlichkeit (vgl. Habermas 1990; 1992, 349-467; Hirschfeld/Debatin 1989). Zweitens geht es darum, den Bezug zu anderen Teilethiken herstellen, hier ist v.a. die Technikethik zu nennen. Da nämlich die Kommunikationstechniken die Strukturen, Funktionen und Prozesse der öffentlichen Kommunikation erheblich beeinflussen, muß Medienethik angesichts fortschreitender Technisierung der Kommunikation zugleich auch Technikethik sein. Die großen Schübe in der Entwicklung der Kommunikationsmedien haben ja immer auch große Veränderungen im System der gesellschaftlichen Kommunikation mit sich gebracht (vgl. Luhmann 1990). Andere Teilethiken, wie Wirtschafts- und Umweltethik oder Medizin-, Wissenschafts- und Computerethik, sind vor allem dann für die Medienethik von Bedeutung, wenn es um die Frage geht, ob und auf welche Weise über ein bestimmtes Thema berichtet werden soll. In diesem Sinne ist es anstrebenswert, daß insbesondere angehende Fach- und Wissenschaftsjournalisten nicht nur im Blick auf ihr mediales Handeln, sondern auch im Blick auf ihren fachlichen Gegenstandsbereich ethisch sensibilisiert werden. Schließlich geht es drittens darum, medienethisch fundierte Perspektiven für die Kommunikationswissenschaft und die öffentliche Kommunikation zu entwerfen. Hierzu gehören zunächst Überlegungen, wie ethische Prinzipien und Werte in die Institutionen und Organisationen des Mediensystems implementiert werden können. Dies fängt bei der medienethischen Konzeption der Journalistenausbildung an und geht über die Entwicklung ethischer Grundlagen der Kommunikations- und Medienforschung bis hin zu medienethisch orientierten Konzepten im Bereich von Corporate Identity, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Hinzu kommen aber auch Untersuchungen zu Demokratisierung und Dezentralisierung von elektronischen Kommunikationsmedien und zur Kommunikationsökologie, sowie die Beschäftigung mit Fragen der Verrechtlichung und der Formalisierung von informellen medienethischen Normen und Werten. Letzteres betrifft nicht nur Probleme wie die Darstellung von Gewalt und Pornographie, was ja derzeit im Zusammenhang mit dem Internet eine heftige ethische und juristische Debatte entfacht hat, sondern auch die Frage, ob medienethische Kodizes, wie etwa der Pressekodex, Rechtkraft und damit ein höheres Sanktionspotential erhalten sollen.8 Schließlich gehört in diesen Bereich auch die Analyse von Rezeptionsverhalten und Medienkompetenz auf der Nutzerseite, wobei Ansätze zur Rezipienten- und Publikumsethik mit der Medienpädagogik zu verbinden wären: Medienethik ist hier "eine Basiswissenschaft der Medienpädagogik" (Funiok 1996a).
Wie bei der Steuerungsfunktion müssen auch bei der Reflexionsfunktion die unter a) und b) genannten Aufgaben einander ergänzen: Die kritische Analyse der Selektionsprozesse, Vorgänge und Strukturen im Mediensystem bezieht ja die Maßstäbe ihrer Kritik aus den normative Gehalten der in der geltungskritischen Reflexion gewonnenen universellen Normen und ihrer Übertragung auf die Medienethik, sowie aus ihrer Umsetzung in kommunikationswissenschaftliche Konzepte. Erst dann kann das Spannungsverhältnis zwischen Steuerungs- und Reflexionsfunktion zu einem Verhältnis wechselseitiger Ergänzung werden. Dabei ist medienethische Reflexion in doppelter Hinsicht eine Beobachtung zweiter Ordnung: Zum einen selbstreflexive Theoriebeobachtung, insofern Medienethik sich selbst und ihre normativen Unterscheidungen reflektiert und begründet, und zum anderen selbstreflexive Praxisbeobachtung, insofern Medienethik eine kritische Öffentlichkeit über öffentliche Kommunikation herstellt. Die medienethische Reflexion ist dabei natürlich selbst auf Medien der Kommunikation angewiesen, um praktisch wirksam zu werden. Deshalb sind hier die wissenschaftliche Öffentlichkeit und ihre Fachmedien ebenso wichtig wie die Medien der allgemeinen Öffentlichkeit - und risikobereite Journalisten ebenso notwendig wie kritische Medienwissenschaftler.
Kritische Öffentlichkeit kann allerdings immer nur ein regulatives Prinzip und Leitbild darstellen, das erst durch den öffentlichen Gebrauch der kommunikativen Vernunft und im praktischen Diskurs mit Leben erfüllt wird (vgl. die Beiträge in Wunden 1994). Deshalb ist Arens zuzustimmen, wenn er Medienethik und Öffentlichkeit in ein wechselseitiges Voraussetzungsverhältnis stellt und als Konsequenz für die medienethische Praxis formuliert:
Die Medienethik bzw. die Ethik massenmedialer Kommunikation müßte so konzipiert werden, daß sie sich selbst als diskursiv versteht, d.h. daß sie in ihren eigenen Begründungs- und Anwendungsdiskursen die Bedingungen, Beschränkungen und Möglichkeiten medialer Kommunikation eruiert, nicht zuletzt mit dem Ziel, ihrerseits massenmediale Diskurse zu initiieren, zu stimulieren und im Blick auf ihre partizipatorischen, emanzipatorischen und advokatorischen Möglichkeiten und Grenzen zu reflektieren (Arens 1996, 96).
Ähnliches gilt für die Ausbildung im Medienbereich: Sie kann und soll zwar nicht Medienschaffende mit 'moralischem Prüfsiegel' produzieren. Medienethische Urteils- und Einbildungskraft können jedoch durch die Ausbildung stimuliert und trainiert werden, etwa indem journalistische Zwänge, Handlungsspielräume und Konfliktsituationen simuliert und durch Fallstudien medienethisch analysiert und bewertet werden. Dadurch können moralisch-praktische Handlungorientierungen für die Medienpraxis gewonnen, das ethische Bewerten und Beurteilen im Medienbereich eingeübt und die Grundlagen für einen verantwortlichen und kritischen Journalismus gelegt werden. Umgekehrt erfüllt aber auch die kritische und mutige Medientätigkeit eine wichtige Leitbildfunktion für das journalistische Berufsbild.
Freilich kann ethisch motiviertes Handeln nicht aufoktroyiert werden, es kann allenfalls vor- und eingelebt werden. Selbst wenn es von meinem Gegenüber eingefordert wird, kann ich es doch verweigern, denn es beruht auf innerer Einsicht und moralischer Intuition. Deshalb ist es notwendigerweise ein eher schwaches und informelles, gleichwohl aber unverzichtbares Steuerungsmedium. Medienethik hat denn auch mehr Orientierungs- als Kontrollfunktion, und sie wird stets im Vorfeld von und im Streit mit rechtlichen, monetären und polischen Steuerungsmechanismen liegen. In der Realität der Medien stößt medienethisches Handeln ständig auf ihre Grenzen - Grenzen, die freilich durch beharrliche ethische Kritik verschoben werden können. Hervorheben möchte ich schließlich auch, daß ethische Kompetenz die journalistische Kompetenz nicht ersetzen kann: Medienethisch reflektiertes Handeln ist noch kein hinreichendes journalistisches Qualitätskriterium, es bezeichnet aber wohl eine notwendige Bedingung für publizistische Qualität.
1 Die Verkürzung der Medienethik auf den Bereich von Individualmoral und gesellschaftlicher Sittlichkeit scheint in der kommunikationswissenschaftlichen Diskussion dazu geführt zu haben, daß das Hauptproblem der Medienethik im Konflikt zwischen individueller Gesinnung und organisationeller Verantwortung verortet wird (vgl. etwa Saxer 1988; Ruß-Mohl/Seewald 1992; Haller 1992). Das Problem der moralphilosophischen Begründung und Reflexion medienethischer Werte und Normen wird dabei häufig mit dem Verweis auf empirisch vorfindliche Normen aus dem journalistischen Ethos, dem Pressekodex oder dem Verfassungsrecht umgangen (so bei Bentele 1988; Wollig 1996). ***ZURÜCK***
2 Also z.B. gesetzliche Bestimmungen wie die im Grundgesetz garantierte Presse- und Meinungsfreiheit, Rundfunkgesetze, Staatsverträge und die sogenannten Rundfunkurteile. ***ZURÜCK***
3 Z.B. der Verzicht auf Gewalt- und Pornographiedarstellungen, der Verzicht auf Sensationalismus im Stile des Reality-TV, die Verpflichtung auf bestimmte Informations- und Recherchepraktiken oder allgemeiner die Verpflichtung auf den demokratischen Wertekonsens. ***ZURÜCK***
4 Erinnert sei an die medienkritischen Aufarbeitungen des Skandals um die 'Hitler-Tagebücher' im Stern, des Gladbecker Geiseldramas, und der gefälschten Berichte im Stern-TV, - oder allgemeiner: an die Kritik an der medialen Kriegsberichterstattung, an Reality-TV etc. ***ZURÜCK***
5 Also etwa die Trennung von Handlungs- und Verantwortungssubjekten, synergetische Handlungseffekte, Unüberschaubarkeit systemischer Handlungsfolgen etc.; vgl. Lenk/Ropohl 1993. ***ZURÜCK***
6 Z.B.: Folgenethik vs. Prinzipienethik, formale vs. materiale Ethik, ontologische vs. deontologische Ethik, intuitionistische vs. rationalistische Ethik usw. ***ZURÜCK***
7 Übrigens geht es hierbei nicht allein, wie man mit Luhmann meinen könnte, um die Differenz gut/schlecht: Im Bereich der Handlungsnormen folgen diese Unterscheidungen der Differenz richtig/falsch während sie im Bereich der Werte aus der Differenz gut/schlecht hervorgehen. ***ZURÜCK***
8 Eine solche Verrechtlichung fordert z.B. Buchwald (1992). Damit würde freilich das selbstregulative Potential des Mediensystems aufgegeben, der subtile Mechanismus einer normativen Innensteuerung also nur durch eine rechtsförmige Außensteuerung ersetzt.***ZURÜCK***
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