Das Internet dient, gestützt durch eine immer noch wachsende massenmediale Aufmerksamkeit, als Projektionsfläche für alle möglichen politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und individuellen Wünsche und Ängste. Auf der Seite der Wünsche ist das Internet zum Symbol für optimierte Kommunikation schlechthin geworden, was sich in der Metapher des Information Superhighway (Datenautobahn) sinnfällig ausdrückt. Dieser Wunschidee liegt der Mythos eines zeit- und grenzenlosen Informationsaustausches zugrunde. Dementsprechend soll durch den Information Superhighway die Lösung der ökonomischen, sozialen, politischen und ökologischen Probleme unserer Zeit möglich werden (Al Gore).[1]
Auf der Seite der Ängste ist das Internet zur Metapher für die Bedrohung durch das Neue, Fremde und Verbotene geworden; eine Vorstellung, die auf dem Mythos von der allmächtigen Wirkung der Kommunikationsmedien beruht und die sich dann in spektakulärer, oft überdramatisierter Berichterstattung in den Massenmedien niederschlägt. Beispielhaft sind etwa die Themen Hacker, Computerkriminalität oder Pornographie im Internet. Viele der öffentlichen Diskussionen drehen sich in diesem Zusammenhang um Probleme wie das Verhältnis von Zensur und Freiheit der Rede im Netz, um die Frage Datenverschlüsselung versus allgemeinen Datenzugriff, oder auch um das Verlangen nach elterlicher Zugangskontrolle.
Gerade die Diskussion über Pornographie im Internet hat jedoch gezeigt, daß eine Moralisierung der Debatte nicht hilfreich ist. Dies nicht nur deshalb, weil hier oft erst einmal Fragen des nationalen und transnationalen Rechts betroffen sind, sondern auch, weil die mit der Moralisierung verbundene Vorentscheidung den Blick auf die vielschichtigen Problemlagen verstellt, die mit dem neuen Medium Internet gegeben sind. Eine systematische Klärung der normativen Dimensionen des Internet, die aus kommunikationswissenschaftlicher und medienethischer Perspektive erst noch zu leisten ist, wird durch die Fixierung auf spektakuläre Oberflächenphänomene wie die Pornographiedebatte eher behindert als befördert. Meine folgenden Überlegungen stellen den Versuch dar, die Grundlinien für eine solche systematische normative Analyse zu skizzieren.
Die Frage nach Ethik und Moral setzt voraus, daß es Handlungsträger gibt, denen moralisches bzw. unmoralisches Handeln zugeschrieben werden kann. Damit erheben sich zugleich weitergehende Fragen nach dem Handlungsbereich, den Handlungsfolgen, den von Handlungsfolgen Betroffenen, der Rechtfertigungsinstanz, sowie den handlungsleitenden Normen und Werten. Von besonderer Bedeutung ist hierbei auch das Zusammenspiel von individuellem und organisationellem Handeln, wie es typischerweise in komplexen Handlungssystemen auftritt.[2]
Um die hier aufgeworfenen Probleme behandeln zu können, ist es zunächst notwendig, das Handlungsfeld Internet[3] genauer zu bestimmen. Das Internet kann kraft seiner Multimedialität viele verschiedene Funktionen gleichzeitig oder auch in getrennter Form erfüllen. Genannt seien hier nur die Funktionen des elektronischen Datentransfers, des Direktzugangs zu digitalen Informationssystemen, der synchronen oder zeitlich versetzten dyadischen und Gruppenkommunikation, der Erzeugung, Speicherung und Übertragung von Schrift-, Bild- und Tondokumenten und der Simulation von virtuellen Welten.
Das Handlungsfeld Internet ist multidimensional strukturiert und zerfällt in eine Vielzahl unterschiedlicher Handlungsbereiche mit je verschiedenen Anwendungen: Es kann als digitales Briefsystem, als Diskussionsforum, als riesige Bibliothek und Datenbank, als elektronischer Werbe- und Einkaufskatalog, als Telefon, als Radio- und Fernsehgerät, als Videokonferenzsystem, als virtuelle Spielwelt, als Simulationsmaschine und vieles andere mehr Verwendung finden. Zugleich rangieren die durch das Internet ermöglichten computergestützten Kommunikationen über das gesamte Spektrum von intim-privater Konversation bis zur öffentlichen Kommunikation und von dyadischer und Gruppenkommunikation über kategorielle und fachspezifische bis hin zur Massenkommunikation.
Es liegt auf der Hand, daß in den unterschiedlichen Handlungsbereichen je nach sozialer und technischer Bandbreite auch ganz verschiedene Formen normativer Selbstregulation entstehen. So sind beim Austausch von Emails oder beim netzgestützten Telefonieren zwischen Privatleuten andere Verhaltensnormen erwartbar (und damit auch andere Normverstöße möglich) als bei computervermittelter Gruppenkommunikationen in Echtzeit oder bei einem email-basierten Diskussionsforum in einer Newsgroup.
Insofern ist es keine Überraschung, daß sich im Internet inzwischen eine Vielzahl von bereichsspezifischen Normierungen und Etiketten herausgebildet hat. [4] Eher selten zu finden sind dagegen Versuche, die ethischen Dimensionen des Internet bereichsübergreifend und systematisch zu untersuchen. [5] Dieser Sachverhalt wird unmittelbar deutlich, wenn man im Internet selbst nach entsprechenden Texten forscht. Unter Suchbegriffen wie ‘cyberethics’, ‘netiquette’, ‘Internetethik’ etc. findet man eine buntgewürfelte Sammlung von Dokumenten, Verhaltensregeln, Seminarplänen und anderen Webseiten, die eher unsystematisch und meist fallbezogen sind, und die häufig mit dem Thema Internetethik und Normativität nicht viel zu tun haben.
Mein Vorschlag ist nun, das Handlungsfeld Internet und seine diversen Handlungsbereiche zur systematischen Analyse in thematisch gegliederte Funktionsbereiche zu unterteilen, nämlich in die drei zentralen Funktionsbereiche Wissen, Freiheit und Identität. Diese Funktionsbereiche und die in ihnen auftretenden spezifischen ethischen Probleme sollen im folgenden beleuchtet werden.
Die Verwendung des Internet im Bereich des elektronischen Transfers von Information ist vor allem auf die Gewinnung, Verarbeitung, Weitergabe und Speicherung von Wissen gerichtet: Das Internet erscheint hier als ein gigantisches gesellschaftliches Gedächtnis, als universaler Wissensspeicher, der schnellen und umfassenden Zugriff auf jedwede Information verspricht. [6] Durch die Vernetztheit des Hypermediums Internet sind im Prinzip alle Informationen miteinander verbunden und damit auch im Prinzip allen zugänglich. Der vor allem in Macht- und Wissenseliten weitverbreitete Mythos einer umfassenden und reibungslos kommunizierbaren Information beruht auf der Idee eines solchen ungehinderten digitalen Informationsflusses zwischen einzelnen Benutzern, allen möglichen Organisationen und Institutionen, sowie digitalen Bibliotheken und Datenbanken. Dieser positiven Vorstellung wird jedoch das Negativbild der informationellen Überflutung oder gar der ‘Datenbombe Internet’ (Virillo) entgegengehalten, wobei der allgemeinen Informationsflut eine spezielle ‘Informationsdürre’ korrespondiert: Oft findet man zwar alles mögliche, aber nicht das, was man gerade sucht, zumal wenn es sich um wissenschaftliche Information handelt. [7]
Aus normativer Perspektive tauchen hier drei miteinander verbundene Probleme auf, die das Handeln in diesem Funktionsbereich ethisch prekär machen, nämlich (1) die große Komplexität des Funktionsbereiches Wissen, die spezielle Prozeduren der Selektion erfordert, (2) die Möglichkeit der schnellen und unmerklichen Informationsmanipulation, und (3) die damit zusammenhängende Frage nach Qualität und Nachprüfbarkeit des elektronisch vermittelten Wissens.
(1) Mit der Beschleunigung der Kommunikations- und Informationsströme vergrößert sich die Komplexität des Funktionsbereichs Wissen explosionsartig. Sie kann zwar durch Selektionsautomaten reduziert werden, also durch Filter und Suchmaschinen oder durch Softwareagenten (‘knowbots’, ‘spiders’ und andere autonome Miniprogramme), die auf Geheiß ihrer Besitzer ins Netz ziehen, um die Datenwelt zu erkunden und mit anderen Agenten zu kommunizieren. Jedoch ist die damit gewonnene Reduktion nur schwer überprüfbar und mit großen Zufälligkeiten behaftet: Die Delegation von Such- und Selektionsprozessen an technische Medien bedeutet ja nicht nur einen Gewinn an Zeit und Übersichtlichkeit, sondern zugleich auch einen Verlust von Kompetenz und Einflußmöglichkeiten. Damit steht hier - wie bei allen technischen Systemen - der Erweiterung des Handlungsbereiches eine Einschränkung bzw. Delegation des Kompetenzbereiches gegenüber. Bei der Bewertung von erwartbarem Nutzen (d.h. intendierten Handlungsfolgen) und in Kauf zu nehmenden Kosten (also nichtintendierten Nebenfolgen) bedarf es deshalb einer klugen technikethischen Abwägung. [8]
Konkret bedeutet die hier genannte Problematik, daß im Internet die Transparenz des durch maschinelle Selektionsprozesse ausgewählten Bereiches mit der Intransparenz des Selektionsprozesses selbst und der durch diese Selektion ausgeschlossenen Bereiche erkauft wird. Dies läßt sich an den Resultaten eines Selektionsprozesses mit einer beliebigen Suchmaschine gut verdeutlichen: Zufälligkeit kommt hier nicht nur dadurch ins Spiel, daß die Suchmaschinen statistische (und keine semantischen) Programme sind, also ohne Verständnis kontextspezifischer Bedeutungen auf Zeichenketten reagieren, sondern auch dadurch, daß die Stichwortvergabe relativ zufällig und ungeregelt erfolgt, nämlich durch Benutzer bzw. durch Suchprozesse von Knowbots (die meist die ersten Zeilen eines WWW-Dokumentes als Suchbegriffe speichern). Gleichzeitig aber stellt jede Selektion ein Werturteil dar, indem sie andere mögliche Selektionen ausschließt und so eine normativ gehaltvolle Präferenzstruktur in den selektierten Bereich einführt. [9]
(2) Die durch die Komplexität induzierte Zufälligkeit wird durch die Vorläufigkeit, die einfache Veränderbarkeit und die dauernden Modifikationen der im Netz angebotenen Informationen noch verstärkt: Im Unterschied zur gedruckten Information liegt eine elektronische Information nicht mehr in dauerhafter materieller Bindung vor. Jede Information kann durch eine neue überschrieben werden. Zwar kann auch ein Buch eine veränderte Neuauflage erfahren, ja es kann sogar eine ganze Auflage zensiert und eingestampft werden oder schlicht verloren gehen, dennoch ist gedruckte Information gegen Kritik, Veränderung und Fälschung vergleichsweise unempfindlich. [10]
Der Kern des vielbeschworenen Endes der Gutenberg Galaxis liegt in der ungeheuren Schnelligkeit, Variabilität und Kapazität elektronischer Speichermedien, wodurch nicht mehr nur (wie beiden Printmedien) Menge und Umsatz der Informationen über die Welt wachsen, sondern das Wesen der Information selbst in den Sog der Beschleunigung gerät. Die durch den Aktualitätsdruck der Massenkommunikation verursachte fortwährende Verwandlung von Information in Nichtinformation (Luhmann) beinhaltet immerhin noch einen Zeitindex, der die Unterscheidung zwischen aktueller, also gegenwärtig relevanter Information und vergangener, aktuell nicht mehr bedeutsamer Information erlaubt. Dieser Zeitindex verschwindet bei elektronischer Information, denn diese ist reine Gegenwart: Im Internet ist jedes einzelne Dokument immer nur bis zu seinem nächsten ‘updating’ wahr und kann in seiner nächsten Version dann auch wieder völlig anders aussehen. Meine These ist deshalb, daß Internet-Dokumente eine ahistorische und palimpsestische Struktur haben. Die Leser dieser elektronischen Palimpseste können nie sicher sein, welche Version sie gerade vor sich haben, wie oft sie kopiert wurde und wer tatsächlich ihr Autor ist. [11]
(3) Die leichte und unmerkliche Veränderbarkeit von Text und Autorschaft im Netz hat nicht nur eine rechtliche und eine technische Dimension (vgl. Kryptologie und fälschungssichere elektronische Signatur etc.), sondern auch eine ethisch-wahrheitstheoretische. Die mit Schrift, Buchdruck und Alphabetisierung verbundenen Standards des Umgangs mit Wahrheit verändern sich unter dem Einfluß der hochvernetzten Computerkommunikation: Wahrheitsansprüche lassen sich nun nicht mehr an das geschriebene bzw. gedruckte Wort koppeln, denn Wahrheit, Qualität und Authentizität der im Internet angebotenen Informationen können nur schwer überprüft werden. Eine differenzierte Glaubwürdigkeitsskala wie sie als Zuschreibungsform bei den traditionellen Massenmedien zu finden ist, kann sich im Internet kaum herausbilden, da für die Zuschreibung keine institutionellen oder professionsspezifischen Kriterien existieren, außer wenn die jeweilige Information durch netzexterne Glaubwürdigkeitsindikatoren (wie öffentliche Reputation) begleitet wird. In der Regel aber beziehen Internet-Dokumente ihre Glaubwürdigkeit durch die zeitlose und multiple Selbstreferentialität des aus Hyperlinks und Hyperdocuments erzeugten Netzes. [12] Damit entsteht jedoch die Tendenz einer nicht mehr zu entflechtenden Vermischung von Realität und Virtualität, wie sie sich in der Vielzahl von geradezu paranoid anmutenden Verschwörungstheorien auf allen möglichen Web-Sites bereits heute zeigt. Ethisch problematisch wird solcherart reifizierte Information vor allem dann, wenn sie dann wieder als Handlungsgrundlage im real life verwendet wird.
Hinzu kommt, daß zumindest bei bestimmten Dokumentsorten im Internet eine spezifische Autor- und Kontextlosigkeit besteht: Die in Newsgroups und Mailing-Lists übliche Form der Kombination von Texten verschiedener Autoren, bei der die zitierten Bezugstexte in meist zerstückelter und dekontextualisierter Form in die jeweilige Antwort eingefügt werden, erzeugt einen neuartigen Typus von Text, bei dem mitunter dadaistisch anmutende Textcollagen entstehen. Eine solche elektronische Textcollage hat keinen klar bestimmbaren Autor, sondern eher eine Vielzahl von Editoren, die immer neue und andere Versionen eines sich gleichsam automatisch fortschreibenden Textes kopieren und transformieren. Damit wird die Wahrheitsfrage hier höchst prekär, zumindest solange man die Wahrheit von Aussagen mit auf Subjekte zurechenbaren Geltungsansprüchen verbindet.
Diese Zurechnungs- und Wahrheitsproblematik wird durch die Dekontextualisierung der Textschnipsel noch verstärkt, denn was im Ursprungskontext noch stimmig und gültig sein mag, kann im nächsten Kontext bereits zu ganz anderen, gegenläufigen Zwecken verwendet werden. [13] Zugleich entsteht durch die Dekontextualisierung der Effekt einer permanenten Themenverschiebung, so daß viele ‘threads’ in Newsgroups und Mailinglists schon nach wenigen Iterationen thematisch kaum noch wiederzuerkennen sind. Diskursregeln vernünftigen Argumentierens und selbst ganz normale, alltagsweltliche Konversationsregeln, wie aus der ethno-methodologischen Kommunikationsforschung bekannt, können hier nur sehr bedingt unterstellt werden.
Insgesamt betrachtet wirft der Funktionsbereich Wissen damit eine Vielzahl von normativen Problemen auf, die vor allem mit der Geltung, der Authentizität und der Selbstreferentialität der Informationen zu tun haben. Ethische Selbstregulation ist in diesem Bereich nur sehr schwer zu verwirklichen, da es an normativem Sanktions- und Motivationspotential fehlt. Ausnahmen sind akademische Texte im Internet, da deren Autoren ihr symbolisches Kapital der Reputation auch im Internet zu hegen haben. Inwieweit sich ein ähnliches Regulativ auch im Bereich der Wirtschaftskommunikation im Internet herausbilden wird, ist derzeit noch nicht abzuschätzen, da diese erst in den Anfängen steht. Da sich jedoch Werbung naturgemäß nicht mit Fragen der Wahrheit belastet, sondern eher auf emotiv-persuasive Effekte spekuliert, ist eine Lösung der Wahrheitsproblematik von dieser Seite eher nicht zu erwarten.
Eine mögliche Perspektive stellt vielleicht die derzeit zu beobachtende Entstehung neuer Dienstleistungsberufe im Bereich der Selektion von elektronischer Information ("Information Broker") dar. Das gerade in Deutschland noch sehr am klassischen Journalismus ausgerichtete Berufsbild in den Kommunikationsberufen sollte diese Impulse ernst- und aufnehmen. Insbesondere bei der universitären Ausbildung solcher Fachleute für elektronische Information wäre auf eine umfassende medien- und verantwortungsethische Komponente achten.
2. Der Funktionsbereich Freiheit: Elektronische Öffentlichkeiten?
Das Internet ist ein zentrales Projektionsfeld für den Mythos unbegrenzter Freiheiten, wobei sich hier entsprechend der jeweiligen politischen Ausrichtung drei zu unterscheidende Hauptströmungen zeigen, nämlich die liberaldemokratische, die anarchistische und die wirtschaftsliberale Freiheitsidee. Diese drei Ideen und die damit verbundenen normativen und empirischen Probleme sollen nun kurz diskutiert werden:
(1) Nach der liberaldemokratischen Idee der Freiheit soll das Internet durch seine interaktiven und egalitären Strukturen zu einer Wiederbelebung der freiheitlichen Demokratie führen. Durch die Einrichtung einer ‘elektronischen Agora’ (Al Gore) soll eine freie und aufgeklärte Meinungs- und Willensbildung der Bürger möglich und die Idee einer direkten und partizipatorischen Demokratie politische Wirklichkeit werden. Politische Diskurse und Entscheidungsprozesse sollen auf diese Weise dezentral, transparent und bürgernah betrieben werden. Planungs- und Entscheidungsdaten können als elektronische Dateien im Internet bereitstehen und unbegrenzt vielen Interessenten zugänglich gemacht werden. So können bürokratische und hierarchische Hindernisse reduziert, Informationen über politische Vorgänge einfach und flächendeckend verteilt und partizipatorische Diskurse der Bürger initiiert werden. [14] Und die Interaktivität computervermittelter Kommunikation bringt in der Tat nicht nur eine neuartige Kombination von Individual- und Massenkommunikation hervor, sie führt auch, wie diverse Studien und Erfahrungsberichte zeigen, zu einer Verringerung von Hierarchien und trägt so zu einer Egalisierung der Kommunikation bei. [15] Dies kann wiederum als Mittel zur Vereinfachung, Enthierarchisierung und Beschleunigung von privaten und öffentlichen Kommunikationsprozessen genutzt werden.
Während in den USA heute viele lokale, regionale und nationale Belange auch über das Internet kommuniziert werden und die Clinton-Administration selbst immer mehr Regierungsdokumente elektronisch zugänglich macht, halten sich europäische und besonders deutsche Politiker und Entscheidungsträger hier bisher auffällig zurück. [16] Der Idee einer elektronisch gestützten freiheitlich-partizipatorischen Demokratie steht derzeit auch die Tatsache entgegen, daß das Internet von einer allgemeinen Zugänglichkeit im Sinne einer ‘öffentlichen Grundversorgung’ noch weit entfernt ist. [17] Selbst in den reichen Industriestaaten bestehen ökonomische, soziokulturelle, geschlechts-, schicht-, alters- und bildungsspezifische Schranken, die den Zugang zum Internet zu einem Privileg machen. [18]
Die sich rasch wandelnden technischen Standards auf Soft- und Hardwareebene verstärken diese Zugangsschranken noch. Aus medienethischer wie aus demokratietheoretischer Perspektive stimmt eine solche Diagnose bedenklich, läßt sie doch vermuten, daß die der Informationsgesellschaft ohnehin eigentümliche Tendenz einer wachsenden Wissenskluft durch das Internet nicht nur nicht gebremst sondern eher noch beschleunigt wird. Überdies wären die Entscheidungen einer solchen Computer- und Informationselite alles andere als demokratisch. Ironischerweise ist damit die real existierende ‘elektronische Agora’ ein getreues Spiegelbild der athenischen Demokratie von besitzenden, männlichen Bürgern. Dies bedeutet, daß das Internet nur dann eine Demokratisierungschance darstellt, wenn es gelingt, die empirischen Ausschlußmechanismen im Spannungsfeld zwischen Faktizität und Geltung (Habermas) zu überwinden und günstige Bedingungen für eine diskursive Netzöffentlichkeit zu schaffen. [19] Ob diese Demokratisierungschance dann auch genutzt werden kann ist eine andere Frage.
(2) Die anarchische Freiheitsversion sieht das Internet als letzten ungeregelten Bereich, den es zu erhalten gilt. Das Netz ist hier wie vormals der Wilde Westen ‘the last frontier’ (Rheingold), der gegen Zensurbestrebungen und staatliche Einflüsse ebenso zu verteidigen ist, wie gegen innere Regulation. [20] Die innerhalb und auch außerhalb des Internet weithin bekannt gewordene Blue Ribbon Campaign der ‘Electronic Frontier Foundation’ ist ein direkter Ausdruck dieser fundamentalen Autonomiebestrebung. Electronic Communities sollen sich ungeachtet ihrer weltanschaulichen und sonstigen Überzeugungen ungehemmt und ohne äußere Einflüssen entwickeln und äußern können. Auch die Möglichkeit der Verbreitung von gewalttätigen, pornographischen, rassistischen oder sonstigen diskriminierenden und haßerfüllten Dokumenten wird dabei als freie Meinungsäußerung gegen jede innere oder äußere Einmischung verteidigt.
Die anarchistische Freiheitsidee, die im Grunde jede Form von Regulation als bloßen Zwang betrachtet, übersieht dabei allerdings die Kantische Einsicht, daß Autonomie bedeutet, sich selbst die Regel zu geben; wirkliche Freiheit also nicht nur negative Freiheit von äußerem Zwang, sondern zugleich auch positive Freiheit zur ‘eigenen Gesetzgebung’ ist. [21] Tatsächlich haben sich im Gefolge von und in Auseinandersetzung mit der anarchistischen Freiheitsidee diverse Formen der normativen Selbstregulation herausgebildet, die von der Formulierung rechtlicher und ethischer Internetgrundsätze[22] über die verschiedenen Versionen der Netiquette[23] bis hin zu Konzepten freiwilliger Selbstkontrolle im Netz gehen. [24] Damit wird jedoch genau das eingeführt, was zumindest der puristisch-anarchistischen Freiheitsidee zufolge eigentlich vermieden werden sollte, nämlich eine Regulation des ‘last frontier’. Naiv ist diese Idee des ‘last frontier’ aber auch im Blick auf ihre historischen Bezüge, schließlich handelte es sich bei dem ursprünglichen Frontierism des Wilden Westen ja um den Prozeß der blutigen inneren Kolonialisierung Nordamerikas, bei dem der Verzicht auf rechtsstaatliche und moralische Regulation lediglich das uneingeschränkte Recht des Stärkeren bedeutete.
Hinzu kommt, daß im Internet längst mächtige wirtschaftliche und politische Interessengruppen vertreten sind, die ihre eigenen technischen und ökonomischen Normierungen unter der Hand und ohne lange zu fragen einführen. [25] Die Tendenz zur Kommerzialisierung des Netzes liegt bereits heute auf der Hand und das explizite Ziel der Werbewirtschaft, das Internet in eine ‘totale Marketingmaschine’ (Schiller) zu verwandeln, rückt langsam näher. Begleitet wird dieser Transformationsprozeß von einer Umstellung des Internet von einem pull-Medium, bei dem die Benutzer sich ihre Information aktiv und selbständig aus dem Netz holen, zu einem push-Medium, bei dem die Informationen (etwa mittels der bereits erwähnten Filtersoftware) vorselektiert oder von kommerziellen Online-Diensten wie ein Fernsehprogramm an den Benutzer geliefert werden. [26]
(3) Ähnlich wie die anarchistische Version lehnt die wirtschaftsliberalistische Freiheitsidee jede staatliche Intervention radikal ab, allerdings bezogen auf den ökonomischen Sektor: Erst durch den freien ‘elektronischen Marktplatz‘, so das hier gängige Ideal, kann es zur Auflösung naturwüchsiger Monopole und zur freien Entfaltung der Marktkonkurrenz kommen (Gingrich). [27] Dem Mythos der Einrichtung eines fairen Wettbewerbes stehen jedoch die realen, eher oligopolistischen Wirtschaftsstrukturen entgegen. Wenn in und mit dem Internet Geschäfte zu machen sind, weckt diese Aussicht sehr schnell das Interesse der großen Unternehmen innerhalb und außerhalb der Computerindustrie. Als Beispiel seien hier nur der Megakonzern von Bill Gates und dessen (seit der Einigung mit Apple im August 1997 universell verbreiteter) Internet Explorer oder auch das Internet Advertising Bureau (die zentrale Interessenvertretung der Werbewirtschaft im Internet) erwähnt.
Mit der nicht mehr allzufernen Lösung des Sicherheitsproblems beim Transfer von Electronic Cash wird derzeit immerhin die technische Grundlage für die Einrichtung des elektronischen Marktplatzes geschaffen. Das Internet soll dann ähnlich wie die ‘Gelben Seiten’ zunächst Zugang zu allen möglichen Dienstleistern und Anbietern gewähren und so den Erwerb von Waren und Dienstleistungen auf der Basis von (passiven) Katalogdiensten oder von (aktiven) Vermittlungsagenturen mit realem Verkaufspersonal bzw. Softwareagenten ermöglichen. Durch die Einrichtung von virtuellen Shopping Malls und ähnlichen virtuellen Konsumwelten sollen schließlich elektronisch animierte Erlebniswelten geschaffen werden, die zur Stimulation und Manipulation von Kaufentscheidungen die Multimedialität und Interaktivität des Mediums Internet ausbeuten. [28] Es wird eine wichtige Aufgabe von Kommunikations- und Medienwissenschaftlern sein, diese virtuellen Konsumwelten und ihre Auswirkungen auf das Individuum unter psychologischen, sozialen und sittlich-moralischen Aspekten zu untersuchen und ihre rechtlichen und moralischen Konsequenzen zu bestimmen.
Die normativen Probleme, die sich im Funktionsbereich Freiheit stellen, drehen sich insgesamt betrachtet um Fragen der Partizipation an und der Regulation von neu entstehenden elektronischen Öffentlichkeiten, die teils politischer, teils sozialer und teils wirtschaftlicher Natur sind. Der (wie in allen Handlungsbereichen) notwendige normative Regelungsbedarf wird dabei von manchen Autoren grundsätzlich abgelehnt, andere versuchen, durch interne Regulation äußeren Einflüssen zuvor zu kommen. Die mit der Struktur des Internet prinzipiell mögliche Revitalisierung und Demokratisierung der öffentlichen Sphäre wird allerdings durch starke konkurrierende Tendenzen eher behindert, denn durch die Kommerzialisierung zeichnet sich eine Diversifizierung des Netzes in viele einzelne kommerzielle ‘push’ Dienste ab und eine Differenzierung der Netzbenutzer in wenige aktive User und viele passiv konsumierende Rezipienten.
Mit dem Internet verändert sich das Selbstbild und die Identität des Menschen. Das Internet stellt als technisierter sozialer Raum einen ganz neuartigen Wahrnehmungs- und Erfahrungsraum dar: die körper- und schwerelose elektronische Welt. Im multimedialen Hyperraum finden sich viele verschiedene Formen von virtueller Realität, angefangen von aufwendigen Simulationen und Animationen, bei denen Menschen mit Datenanzügen und -brillen über das Netz zu Cyborgs gekoppelt werden, über die Comicwelten der Avatar-Chat-Spaces (z.B. Worlds Away von CompuServe) oder Online-Traumwelten, in denen die assoziative Technik einer kollektiven écriture automatique zur Interpretation von Träumen realisiert wird, [29] bis hin zu den ‘identity workshops’ des Internet chat, bei dem durch die Kombination von Anonymität und Nähe ein experimenteller Umgang mit kultureller und Geschlechteridentität möglich wird. [30] Der postmoderne Mythos der fragmentierten und dezentrierten Identität[31] scheint in den chat und game worlds des Netzes ebenso Wirklichkeit zu werden, wie der Mythos des ‘neuen Menschen’, der sich frei seinen spielerischen Neigungen widmen kann. [32] Auch der Mythos der Bewußtseinserweiterung durch das Internet wird durch diese neuartigen Formen individueller und kollektiver Erfahrung genährt. [33] Es ist offensichtlich, daß auch hier sich spezifische normative Probleme stellen. Diese betreffen (1) die Frage nach Verbindlichkeit und Moralität von virtuellen Beziehungen und (2) die Frage nach der Regelung von Konflikten in virtuellen Welten.
(1) Tatsächlich zeigen psychologische Studien in einigen Fällen eine therapieähnliche und sozialisatorische Wirkung durch internetgestützte Rollenspiele mit der kulturellen, sozialen und sexuellen Identität; [34] auch läßt sich belegen, daß Internet chat nicht nur kommunikative Scheu zu überwinden hilft, sondern mitunter sogar zu festen Partnerschaften im real life führt. [35] Dem steht jedoch das Problem der Abhängigkeit vom chatting entgegen, das häufig mit Kontaktverlusten im real life einhergeht. [36] Auch ist unklar, ob und inwieweit der experimentelle Umgang mit der eigenen Identität im ‘Interaktionsschutzraum’ Internet wirklich Folgen für das reale Leben hat oder ob es sich nur um einen kommunikationstechnisch gestützten Eskapismus handelt.
In jedem Fall stellen sich hier eine Reihe von Fragen zur Ethik zwischenmenschlicher Beziehungen: Wie verbindlich können und sollen netzvermittelte Freundschaften und Beziehungen sein? Wie sind elektronische Kommunikationen zu bewerten, bei denen sich eine Cybersex-Beziehung entwickelt? [37] Welche moralischen Standards und welche Verbindlichkeiten sind hier anzulegen und wie wirkt sich dies auf traditionelle moralische Konzepte wie Treue aus? [38] Im Konflikt zwischen real life- und virtual life-Beziehungen sind eindeutige Antworten nicht zu finden, vielmehr zeigt sich, daß die normativen Probleme des neuen Mediums Internet bis in die Intimität zwischenmenschlicher Beziehungen hinein reichen und dort dann auch (mitunter schmerzhaft) ausgehalten und ausgehandelt werden müssen.
(2) Die normativen Probleme stellen sich aber nicht nur im Konflikt zwischen realem und virtuellen Beziehungen, sondern auch im Hinblick auf Konflikte zwischen Mitgliedern von virtuellen Welten. Einige solche Fälle haben eine große Publizität erreicht, so z.B. der Fall eines Mannes, der in einem elektronischen bulletin board die Identität einer gelähmten Frau namens Joan (bzw. in anderen Versionen: Julie) annahm und zur Vertrauten vieler Frauen wurde, bis seine ‘wahre’ Identität bekannt wurde, woraufhin die betroffenen Frauen sich betrogen und verletzt fühlten.
Der Fall provozierte ausführliche Diskussionen, bei denen es insbesondere um die ethischen Qualitäten solchen Verhaltens ging. [39] Ähnlich bekannt wurde der Fall aus einem MOO, bei dem ein Hacker die Kontrolle über die virtuellen Figuren anderer MOO-Mitglieder übernahm und eine ‘virtuelle Vergewaltigung’ zwischen ihnen inszenierte. Aufgrund dieses Zwischenfalles kam es intensiven Auseinandersetzungen, die nicht nur zum Ausschluß des Täters aus der Gemeinschaft führten, sondern in deren Folge auch die sozialen, moralischen und quasi-rechtlichen Regeln dieser Gemeinschaft diskutiert und definiert wurden. [40]
Seitdem haben sich in vielen MUDs und MOOs sogenannte help manners herausgebildet, die eine Art Normenkatalog für die Teilnehmer dieser virtuellen Gemeinschaften darstellen. [41] Auch in den meisten Newsgroups existieren inzwischen Verhaltens- und Teilnahmenormen und genauso gibt es in den diversen Foren und Chat-Räumen von kommerziellen und nichtkommerziellen Anbietern spezifische Normen, denen Benutzer erst zustimmen müssen, bevor sie zur Teilnahme zugelassen werden. Die Einhaltung dieser Normen wird oft durch Sysops (System Operators) und ähnliche Funktionsträger kontrolliert und mittels entsprechender Sanktionen (bis hin zum Ausschluß) durchgesetzt.
Insgesamt betrachtet liegen die normativen Probleme im Funktionsbereich Identität vor allem in der Regelung von zwischenmenschlichen und sozialen Konflikten im Verhältnis zwischen real life und virtual life, sowie innerhalb der diversen virtuellen Welten. In diesem kommunikationsintensiven Bereich zeigt sich vielleicht am deutlichsten, wie wichtig Regeln des sozialen Handelns sind und wie schnell sich selbst in virtuellen Räumen solche Normierungen herausbilden. Damit wird auch klar, daß zur Entstehung von sozialen Räumen eine physische Kopräsenz durchaus nicht nötig ist. Unabdingbar sind jedoch normative Selbstregulationen, die die kommunikativen Handlungen der Mitglieder solcher virtuellen Gemeinschaften sanktionieren und die Grenzen und Eigenschaften dieser kleinen sozialen Systeme definieren.
Abschließen will ich mit einer Bemerkung zum Verhältnis von Recht, Moral und Philosophie: Wie ich am Anfang hervorgehoben habe, ist die Moralisierung eines Themas selten hilfreich, da damit die eigentlich notwendige ethische Auseinandersetzung umgangen und statt dessen eine vorgefertigte, dogmatische Position bezogen wird. Es wäre allerdings falsch zu glauben, daß die Probleme statt dessen durch das Recht gelöst werden könnten. Wie die Entscheidung des US-amerikanischen Supreme Court vom Juni 1997 zum Communications Decency Act gezeigt hat, [42] stellen sich gerade auch im Internet normative Probleme, die nicht auf legislative Weise beseitigt werden können. Vielmehr müssen sie durch netzinterne und durch öffentliche Auseinandersetzungen über Normen des Handelns und des Zusammenlebens unter Bedingungen hochvernetzter Computerkommunikation geregelt werden können. Es ist die Aufgabe einer Moralphilosophie des Internet solche Prozesse zu reflektieren, ihre grundlegenden Werten und Normen zu analysieren und die internetspezifischen normativen Probleme in einen allgemeinen ethischen Bezugsrahmen zu stellen. Ob dies dann eine rein akademische Übung bleibt oder auch praktisch wirksam werden kann, ist auch eine Frage der (Teilnahme an der) computervemittelten Kommunikation.
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