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Technik — und vor allem die je neueste Technik — ist immer schon Gegenstand
von Träumen, Wünschen, Projektionen und Mythen gewesen. Ungezählt
sind die Mythen und Geschichten, in denen eine technische Schöpfung
(Homunkulus, Maschinenmensch, Cyborg oder Künstliche Intelligenz)
sich gegen ihre Schöpfer erhebt. Diese Vorstellungen sind Ausdruck
der Prometheischen Scham (Günter Anders): dem gigantischen
Ausmaß des von uns Herstellbaren entspricht nur ein beschämend
kleiner Anteil des von uns Vorstellbaren. Deshalb bringt jede neue Technik
einen neuen Mythos mit sich. Darüber hinaus erzeugt sie das Problem,
daß die "Natur" des Menschen, sein Handeln und die Handlungsfolgen
je neu zu bestimmen sind. Mit der Veränderung der Technik verändert
sich auch das Selbstbild des Menschen.
Die auf dem allgemeinen Wirkprinzip der Beherrschung und Veränderung
von Naturvorgängen beruhende Technik erweitert zwar dauernd den Handlungs-
und Wirkungsraum des Menschen, sie ist im einzelnen technischen Gegenstand
jedoch nur schwer zu durchschauen. Zur Erklärung und Veranschaulichung
von neuer Technik werden deshalb meist Metaphern älterer Technik verwendet.
Diese kognitive Komplexitätsreduktion ermöglicht einen
(relativ) unkomplizierten Umgang mit Technik, steigert jedoch auch die
Undurchsichtigkeit der inneren Funktionszusammenhänge von Technik
(Beispiel: die Desktop-Metapher moderner Computer Interfaces), was
der Technik den Schein des Natürlichen und zugleich Magischen verleiht.
Die Technik ist zum Metaphernspender für das Selbstverständnis
des Menschen geworden. Spätestens seit der industriellen Revolution
beruhen große Teile des Menschenbildes auf einer sich mit dem technischen
Fortschritt wandelnden Maschinenmetaphorik. Der Mythos des technischen
Fortschritts verschmilzt dabei mit dem Mythos vom besseren Menschen. Mit
der Erfindung und Verbreitung des Computers ist die mechanisch-energetische
Maschinenmetaphorik zunehmend durch die informatorische Computermetaphorik
abgelöst worden. Heute ist der Computer zur "mächtigen Metapher"
(Joseph Weizenbaum) für den menschlichen Geist und das menschliche
Handeln geworden.
Die weltweite Vernetzung der Computer zum Internet ist Gegenstand massiver Metaphern- und Mythenbildung. Das Internet dient als Projektionsfläche für alle möglichen politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und individuellen Wünsche und Ängste. Auf der Seite der Wünsche ist das Internet zur Metapher für optimierte Kommunikation schlechthin geworden, was wiederum auf der Metapher des Information Superhighway (Datenautobahn) und der damit verbundenen Idee eines zeitlosen und grenzenlosen Informationsaustausches beruht. Dies führt zu dem Mythos, daß durch den Information Superhighway die ökonomischen, sozialen, politischen und ökologischen Probleme unserer Zeit gelöst werden können (Al Gore). Auf der Seite der Ängste ist das Internet zur Metapher für die Bedrohung durch das Neue, Fremde und Verbotene geworden (vgl. die Diskussion über Pornographie im Netz), eine Vorstellung, die auf dem Mythos von der allmächtigen Wirkung der Kommunikationsmedien beruht ("hypodermic needle model of media"). Nicht ohne Grund drehen sich viele zentrale Diskussionen über das Internet um Probleme wie elterliche Zugangskontrolle, Zensur vs. Freiheit der Rede, Datenverschlüsselung vs. allgemeiner Datenzugriff, Informationsflut vs. Informationsselektion.
Die im Zusammenhang mit der Struktur des Internet verwendeten Metaphern
zeichnen sich durch semantische Reichhaltigkeit, wechselseitige Verknüpfbarkeit
und gute Kommunizierbarkeit aus. Sie lassen sich alle auf die Raummetaphorik
eines (mindestens dreidimensionalen) Netzes und der Bewegung
in einer Landschaft zurückführen. Die Netzmetaphorik bezieht
sich auf den Aspekt der technischen, sozialen, politischen, und individuellen
Verknüpfung, die Landschaftsmetaporik beinhaltet Vorstellungen von
durch das Netz miteinander verknüpften Orten (‘sites’), Häusern
(‘homepage’), Plätzen (‘marketplace’), und Siedlungen
(‘global village’). Davon ausgehend lassen sich nun verschiedene
Metaphernfelder unterscheiden, und zwar in Abhängigkeit von den unterschiedlichen
Konzepten von Raum, Landschaft und Netz. Diese Metaphernfelder sind nicht
voneinander isoliert, vielmehr berühren oder überlappen sie sich
häufig, was ihre erklärende und veranschaulichende Leistung meist
erhöht.
Bei der Metaphorik der Datenautobahn findet sich eine recht konventionelle
(nämlich euklidische) Raumvorstellung, die an das topographische Modell
des Verkehrsnetzes in einer Landschaft angelehnt ist. Aus der Autobahnmetaphorik
lassen sich vielfältige Einzelmetaphern generieren (Auffahrt = Netzzugang,
Stau = Überlastung, Überholspur = ISDN-Leitung, Umleitung = mail
läuft über mehrere Server, Staßenraub = unerlaubtes Kopieren,
Unfall = Systemabsturz etc.). Grundidee ist hier der vor allem durch die
E-mail Dienste möglich gewordene schnelle Datentransport, eine Idee,
die auf der Leitungs- und Containermetaphorik der Kommunikation
beruht. Im Unterschied zu Autobahnverkehr ist die Datenübermittlung
jedoch eher ein Kopiervorgang als ein Gütertransport und die Datenautobahn
entwickelt sich eher ungeplant, dezentral und in dauernder Veränderung.
Auch benötigt man zum Manövrieren im WWW nicht ein Automobil,
sondern einen Browser oder Navigator, der Orientierung und Fortbewegung
in der unübersichtlichen Netzlandschaft (vgl. Netscape, Explorer,
Mosaic) bietet und das down- und uploaden von Daten erlaubt.
Als Cyberspace ist das Internet kein dreidimensional-euklidischer
Raum, sondern ein virtueller Raum. Die Dimensionen dieses Raumes
werden vom Netz der Rechner und ihrer Datenstöme in Form einer multidimensionalen
Matrix aufgespannt. Noch sinnfälliger ist diese Hyperraum-Metaphorik
beim WWW, das als Hypermedium auf vielfältig verknüpften
Hypertexten beruht. Die Hyperlinks oder "Hotspots" verweisen
auf andere Stellen im Dokumentennetz und stellen zugleich eine Verknüpfung
mit ihnen dar. So entsteht ein "interlinked web of ideas" (Stefik),
ein hochverknüpftes Ideennetz — die Metapher des Nervensystems und
der cerebralen Ge-dächtnisstruktur ist hier nicht weit. Kommunikation
ist hier Ausbreitung von Information in einem vernetzten System.
Die Cyberspace-Landschaft ist dabei weniger Straßennetz als viel-mehr
eine aus Knoten, Links und Adressen bestehende Netzstruktur, auf der man
als Wellenreiter im Ozean der Bits und Bytes surft. Aufgrund der Zentrums-
und Richtungslosigkeit des Internet kann das Surfen hier ebenso abenteuerliche
Entdeckungsreise wie frustrierendes Umherirren im Labyrinth werden.
Das Internet ist darüber hinaus ein sozialer Raum, der aus einem "relationalen Netzwerk von Kommunikationen" (Paetau) besteht, ein vieldimensionales Gebilde also, das durch Interaktionen, Emotionen, persönliche Nähe und Distanz, sowie durch gemeinsam geteilten Sinn definiert wird. Kommunikation wird hier vor allem nach dem Modell der Rede als Chat (Geplauder) metaphorisiert, obwohl sie rein textbasiert ist. Die Teilnehmer ‘treffen’ sich unter Echtzeitbedingungen in öffentlichen oder privaten chat rooms. Die Metaphorik von virtuellen Räumen, Gebäuden, Straßen und Plätzen der Kommunikation, sowie von Kommunikationsforen beruht zugleich auf einer topologischen Siedlungsmetaphorik: Global Village, Electropolis und Telepolis sind von Netizens bewohnt, die sich als Einwohner von virtuellen Nachbarschaften (Cyberhood), als Mitglieder von elektronischen Gemeinschaften und als Bürger von basisdemokratischen digitalen Öffentlichkeiten verstehen.
Die Strukturmetaphorik von Raum, Netz und Landschaft und die daraus
abgeleiteten Metaphernfelder sind die Grundlage für Metaphern, die
in normativer Weise bestimmte Funktionen des Internet beschreiben. Diese
Funktionsmetaphern lassen sich drei großen Funktionsbereichen
zuordnen, nämlich den Bereichen Wissen, Freiheit und
Identität. Innerhalb dieser drei Bereiche gibt es eine Vielfalt
von Einzelmetaphern und Metaphernkombinationen, die die Möglichkeiten
und Chancen, aber auch die Probleme und Grenzen des jeweiligen Funktionsbereiches
umschreiben. Gleichzeitig sind die Funktionsbereiche in der Regel von entsprechenden,
traditionsgeladenen Mythen und überschwenglichen Wunschvorstellungen
begleitet. Wie die Analyse seiner Metaphern und Mythen zeigt, ist das Internet
eine große Wunschmaschine, die Begehrlichkeiten weckt und
Träume zu erfüllen verspricht.
Das Internet ist ein gigantisches gesellschaftliches Gedächtnis, ein universaler Wissensspeicher, der schnellen und umfassenden Zugriff auf jedwede Information verspricht. Durch die Vernetztheit des Hypermediums Internet sind im Prinzip alle Informationen miteinander verbunden und damit auch im Prinzip allen zugänglich. Einschlägige Metaphern sind hier die digitale Bibliothek, die elektronische Datenbank, und der digitale Informationsfluß. Auf diesen Metaphern beruht der v.a. in Macht- und Wissenseliten weitverbreitete Mythos der umfassenden und reibungslos kommunizierbaren Information.
Dieser positiven Vorstellung wird jedoch die Negativmetaphorik der Informationsflut
und der ‘Datenbombe Internet’ (Virillo) entgegengehalten, wobei
die allgemeine Informationsflut durch eine spezielle Informationsdürre
(Stefik) verschlimmert wird. Mit der Beschleunigung von Kommunikations-
und Informationsströmen vergrößert sich die Komplexität
des Funktionsbereichs Wissen, die zwar durch Selektionsautomaten reduziert
werden kann, also durch Filter, Suchmaschinen, Softwareagenten (‘knowbots’
und ‘spiders’), die auf Befehl ihrer Besitzer ins Netz ziehen, um die Datenwelt
zu erkunden und mit anderen Agenten zu kommunizieren. Jedoch ist diese
Reduktion nur schwer überprüfbar und mit Zufälligkeiten
behaftet (Delegationsproblem, Schlagwortproblem). Die Zufälligkeit
wird durch die Vorläufigkeit und die schnelle Veränderung der
Dokumente im Netz noch verstärkt: Internet-Dokumente haben eine
palimpsestische Struktur, jedes einzelne Dokument ist immer nur bis
zu seinem nächsten ‘updating’ wahr und kann in seiner nächsten
Version dann auch wieder völlig anders aussehen.
Das Internet ist Projektionsfeld für den Mythos unbegrenzter Freiheiten, der je nach politischer Ausrichtung verschiedene Dimensionen hat: Zunächst soll das Internet durch seine partizipatorischen und egalitären Strukturen zu einer Wiederbelebung der freiheitlichen Demokratie führen. Durch die Einrichtung einer ‘elektronischen Agora‘ (Al Gore) soll eine freie und aufgeklärte Meinungs- und Willensbildung der Bürger möglich und der Mythos der direkten Demokratie politische Wirklichkeit werden. Dem steht freilich die Tatasache entgegen, daß bislang der Zugang zum Netz vorwiegend auf privilegierte und gebildete Männer der Ersten Welt begrenzt ist und die Entscheidungen einer solchen Computerelite alles andere als demokratisch wären. Ironischerweise ist die elektronische Agora damit ein getreues Spiegelbild der athenischen Demokratie von besitzenden, männlichen Bürgern. Nur wenn es gelingt, die Ausschlußmechanismen des Internet zu beseitigen und Bedingungen für eine diskusive Netzöffentlichkeit zu schaffen, stellt es auch eine Demokratisierungschance dar.
Die anarchische Freiheitsversion sieht das Internet als letzten ungeregelten Bereich, den es zu erhalten gilt. Das Netz ist hier wie vormals der Wilde Westen ‘the last frontier’ (Rheingold), in dem es gegen Zensur und staatliche Einflüsse zu kämpfen gilt. Naiv ist dieser Frontierism aber nicht nur im Blick auf seine historischen Bezüge (schließlich handelte es sich um den Prozeß der inneren Kolonisierung Nordamerikas), sondern auch im Blick auf die im Internet längst vertretenen wirtschaftlichen und politischen Interessengruppen. Bereits heute liegt die Tendenz zur Kommerzialisierung des Netzes auf der Hand und das Ziel der Werbewirtschaft, das Internet in eine "totale Marketingmaschine" (Schiller) zu verwandeln, ist so fern nicht mehr.
Ähnlich wie die anarchistische Version lehnt die wirtschaftsliberalistische
Freiheitsidee jede staatliche Intervention radikal ab, bezogen allerdings
auf den ökonomischen Sektor: Erst durch den ‘elektronischen Marktplatz‘
kann es zur Auflösung naturwüchsiger Monopole und zur freien
Entfaltung der Marktkonkurrenz kommen. (Barbroock/Cameron, Gingrich). Dem
Mythos der Einrichtung eines fairen Wettbewerbes stehen jedoch die realen
oligopolistischen Wirtschaftsstrukturen entgegen. Wenn in und mit dem Internet
Geschäfte zu machen sind, werden sich die ‘happy few’ diese nicht
entgehen lassen - als Beispiel seien hier nur Bill Gates und sein Internet
Explorer oder das Internet Advertising Bureau erwähnt.
Mit dem Internet verändert sich das Selbstbild und die Identität des Menschen. Das Internet stellt als technisierter sozialer Raum zugleich einen neuartigen Wahrnehmungs- und Erfahrungsraum dar: die körper- und schwerelose elektronische Welt. Im multimedialen Hyperraum findern sich viele verschiedene Formen von virtueller Realität, angefangen von aufwendigen Simulationen und Animationen, bei denen Menschen mit Datenanzügen und -brillen über das Netz zu Cyborgs gekoppelt werden, über die Comicwelten der Avatar-Chat-Spaces oder die Traumwelten (‘enchanted cyber forests’), in denen die assoziative Technik einer kollektiven écriture automatique zur Interpretation von Träumen realisiert wird (Viglizzo), bis hin zu den ‘identity workshops’ (Bruckman) des Internet chat, wo durch die eigentümliche Kombination von Anonymität und Nähe ein experimenteller Umgang mit kultureller und Geschlechteridentität möglich wird. Der postmoderne Mythos der fragmentierten und dezentrierten Identität scheint in den chat und game worlds des Netzes ebenso Wirklichkeit zu werden, wie der Mythos des ‘neuen Menschen’ (Toffler, Flusser), der sich frei seinen spielerischen Neigungen widmen kann. Auch der Mythos der ‘bewußtseinserweiternden Droge Internet’ (Leary, Barlow) wird durch diese neuartigen Formen individueller und kollektiver Erfahrung genährt.
Tatsächlich zeigen psychologische Studien in einigen Fällen eine therapieähnliche Wirkung durch Rollenspiele mit der kulturellen, sozialen und sexuellen Identität (Turkle); auch läßt sich belegen, daß Internet chat nicht nur kommunikative Scheu zu überwinden hilft, sondern mitunter sogar zu festen Partnerschaften im real life [RL] führt. Dem steht jedoch das Problem der Abhängigkeit von chatting entgegen, das häufig mit Kontaktverlusten im RL einhergeht. Hinzu kommt, daß nicht immer klar ist, ob und inwieweit der experimentelle Umgang mit der eigenen Identität im ‘Interaktionsschutzraum’ Internet wirklich Folgen für das reale Leben hat oder ob es sich nur um einen kommunikationstechnisch gestützten Eskapismus handelt.
Der französische Mythenforscher und Strukturalist Lévi-Strauss
hat bei seiner Untersuchung von amerikanischen Mythen gezeigt, daß
jeder Mythos als eine Matrix von Bedeutungsverweisungen verstanden werden
kann. Man kann sich also einen Mythos wie ein Hypertext-Dokument vorstellen,
das sowohl auf Stellen in sich selbst, wie auch auf andere Hypertext-Dokumente,
also andere Mythen verweist. Durch diese Querverweise in Form von Analogien,
Metaphern und Metonymien bilden die Mythen ein zusammenhängendes mythisches
Netz oder „Gerüst", einen virtuellen Gesamtmythos. Der
Gesamtmythos erwächst aus der Vielzahl seiner Einzelstimmen so wie
eine Synfonie aus den Stimmen der einzelnen Instrumente entsteht.
Wie Lévi-Strauss zeigt, läuft der Gesamtmythos auf ein mythisches
Grundschema heraus, das sich in vielen Mythen der Erde wiederfindet, nämlich
die Schlacht zwischen der Erde und dem Himmel um die Eroberung des Feuers
(vgl. z.B. den Prometheus-Mythos). Die Eroberung des Feuers und seine technische
Nutzung zur Nahrungszubereitung wird als Erwerb von Unterscheidungsvermögen
begriffen, der die Menschwerdung des Menschen erst ermöglicht.
Die Herrschaft über das Feuers ist stets mit der Chance zum Erwerb
von technischem Wissen, sozialer Freiheit und kultureller Identität
verbunden.
Die Analogie zum Internet als einem vielfach verknüpften Netz von
palimpsestischen Hypertexten liegt auf der Hand. Alle Hypertext-Dokumente
im Netz sind, auch wenn sie ganz unterschiedliche konkrete Inhalte haben,
direkt oder indirekt miteinander verknüpft und sie lassen sich (wie
oben gezeigt) den drei Funktionsbereichen Wissen, Freiheit und Identität
zuordnen. Der virtuelle Gesamtmythos des Internet ensteht aus der unüberblickbaren
Vielheit seiner Texte, die in ihrer abstrakten Gesamtheit zum Mythos der
zeit- und grenzenlosen Kommunikation verschmelzen (und ist es Zufall,
daß hier die Feuermetaphorik auftritt?).
Immanuel Kant hat die Bedeutung der Philosophie in vier große
Fragen gefaßt, nämlich "Was kann ich wissen?", "Was
soll ich tun?", "Was ist der Mensch?" und "Was darf
ich hoffen?" Das Internet wird diese Fragen nicht beantworten, auch
wenn es die ersten drei Fragen als Funktionsbereiche Wissen, Freiheit und
Identität enthält. Auch auf die vierte Frage, traditionell durch
die Religion beantwortet, kann das Internet keine Antworten geben, aber
als große Wunschmaschine stellt es die Projektionsfläche
für unsere Hoffnungen, Wünsche und Ängste dar. Es ist deshalb
zu fragen, ob im Ausgang des 20. Jahrhunderts mit dem Gesamtmythos Internet
ein neue Metaerzählung erscheint, die jene Leerstelle besetzt,
die durch den Verlust verbindlicher und gesellschaftsumfassender Narrationen
— zuletzt die Erzählung der Aufklärung — entstanden ist.Diese
mythische Metaerzählung ist freilich nicht sequentiell sondern rhizomatisch
und ebenso wie wie der ursprüngliche Mythos radikal dezentriert, autorlos,
ortlos und selbstreferentiell. Das Internet würde so auf eigentümlich
dialektische Weise die Funktionen des modernen Diskurses mit den
Formen des postmodernen verbinden.
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