Bernhard Debatin
Gibt es eine Medienethik für
das Internet?
© Bernhard Debatin 1998.
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Über
die Probleme und Gefahren des Internet wird viel gesprochen. Dabei stehen
in der Regel diejenigen Bereiche im Vordergrund, die sich in den Massenmedien
als spektakulär und sensationell darstellen lassen:
Das "Wissen der Welt", das
sich einem Werbespruch der Telekom zufolge im Internet befindet, kommt
dem Benutzer als unübersichtliche und unwirkliche Datenflut entgegen:
Der versprochene leichte Zugriff
auf Daten erweist sich in der Praxis als mühsame und oft erfolglose
Suche oder als zufälliges Finden von Informationsbruchstücken.
Die Digitalisierung erlaubt
mit der einfachen Speicherung und Veränderbarkeit der Daten auch deren
Mißbrauch. Hacker, Programmfehler, "gläserner Benutzer"
sind nur einige Stichworte hierzu.
Die Kommerzialisierung des
Netzes bringt zwar neue Märkte aber auch neue Ungerechtigkeiten. Ob
die Qualität der Webseiten durch ihren Anschluß an das ökonomische
System steigt, ist mehr als umstritten.
Die niedrige Publikationsschwelle
des Netzes erlaubt praktisch jedem die Veröffentlichung beliebiger
Inhalte. Das bedeutet aber auch, daß eben auch moralisch problematische
Inhalte veröffentlciht werden können.
Erschwerend kommt hinzu, daß
der anonyme Transfer von komprimierten Daten die schnelle Verbreitung
von harmlosen Texten ebenso ermöglicht wie von moralisch oder rechtlich
problematischen Dokumenten, erinnert sei nur an das Problem der Verbeitung
von Kinderpornographie.
Im großen Netzwerk Internet (das
ja eigentliche eine Kombination vielen Teilnetzen, Teilmedien und Diensten
ist) scheint niemand verantwortlich zu sein. Der goldene Mythos des anarchischen
Netzmediums hat sich nur allzuschnell in den Alptraum eines unmoralischen,
jugendgefährdenden, interessenabhängigen und undurchschaubaren
Netzwerks verwandelt. Auch wenn dieser Alptraum wohl in erster Linie nur
ein negativer Gegenmythos sein dürfte, so stellen sich hier doch typische
medienethische Fragen:
- Wie kann und soll eine Medienethik
für das Multimedium Internet aussehen?
- Welche Relevanz hat Ethik im dezentralen,
allgemein zugänglichen und schwer kontrollierbaren Netz?
- Können moralische Normen im Internet
angesichts seines Normen- und Wertepluralismus wirksam werden?
Kommunikation
gilt bekanntlich als Geltungs- und Aushandlungsort von moralischen Normen:
Die Regulative gleicher Kommunikationschancen und gegenseitiger Anerkennung
können aus den handlungsnotwendigen Unterstellungen der kommunikativen
Alltagspraxis abgeleitet werden. Diesen Umstand haben, wenn auch aus unterschiedlicher
Perspektive, kommunikative Ethiken wie die Diskursethik, systemtheoretisch
orientierte Ethiken und am Individuum ansetzende Ethiken immer wieder herausgearbeitet.
Hinter den Regulativen gleicher Kommunikationschancen
und gegenseitiger Anerkennung stehen die allgemeinen Grundnormen der Gerechtigkeit
und der Verantwortung. Zwar lassen sich solche aus der interpersonalen
Kommunikation gewonnenen Normen der nicht bruchlos auf andere Kommunikationsformen
übertragen, sie können aber als erste Orientierung dienen. Gleichzeitig
kann man sich, sobald es um öffentliche Kommunikation geht, auf die
Normen der Öffentlichkeit (die ja ihrerseits selbst aus den obigen
Regulativen gewonnen werden können) beziehen.
Ich
will dies an vier zentralen Bereichen demonstrieren:
- Im Handlungsbereich der privaten
Online-Kommunikation ist der Bezug auf diese Grundnormen noch sehr
deutlich, denkt man etwa an die vielen Versionen der "Netiquette",
der "Chat-Policies" und der sogenannten "Help-Manners".
Anerkennung anderer, Chancengerechtigkeit der Kommunikation und Reziprozität
sind in Diskussionsforen und -listen wie auch in der Auseinandersetzung
um Inhalte ebenso oft Gegenstand wie Grundlage der Kommunikation. Hier
wird vor allem deutlich, daß auch in der technisch vermittelten Kommunikation
moralische Regeln der Interaktion unverzichtbar sind und sich mehr oder
weniger naturwüchsig herausbilden. Dies heißt nicht, daß
damit der zwischenmenschliche Umgang im Internet bereits moralisch geregelt
ist. Die Bildung solcher Normen ist ja meist eine Antwort auf ungelöste
Konflikte, nicht Ausdruck von bereits gelösten Problemen.
- Ähnlich sieht es im Handlungsbereich
wissenschaftlicher Kommunikation aus, denn in den akademischen Foren
der Diskussion und des Wissens- und Informationsaustausches sind Nachprüfbarkeit
und Glaubwürdigkeit ebenso zentrale Normen wie Achtung und Autorschaft.
Diese lassen sich ihrerseits mit bereits existierenden wissenschaftlichen
Ethikcodizes und ihren Sanktionsformen in Verbindung bringen. Anders ausgedrückt:
Das symbolische Kapital der Wissenschaft ist die Reputation der einzelnen
Akademiker. Allein schon aus diesem Grund ist es (in der Regel) den in
diesem Bereich Tätigen darum zu tun, wahre und richtige Beiträge
zu veröffentlichen - was auch hier nicht bedeutet, daß es keine
schwarzen Schafe gäbe. Allein, die immer wieder zu findende Tendenz,
wissenschaftliche Forschungen zu (ver-)fälschen ist keine internetspezifische
Problematik, auch wenn die Computertechnik solchen Fälschungen sicher
potentiell Vorschub leistet.
- Im Handlungsbereich wirtschaftlicher
Kommunikation ist Vertrauensbildung eine notwendige Bedingung für
das Gelingen der über das Internet abwickelbaren Kaufhandlungen. Insofern
werden Datengewinnung (Nutzerprofile) und Werbung kontraproduktiv, sobald
sie zu tief in die Privatsphäre der Kunden eingreifen (Spamming-Problem!).
Tiefer liegt aber der Konflikt zwischen Profitmaximierung und Verteilungsgerechtigkeit,
der im im Netz ebenso ungelöst bleibt wie in der netzexternen Wirklichkeit,
in der Unternehmens- und Wirtschaftsethik oft nur als Techniken der Imagepflege
verstanden werden. In der Zukunft könnte das Internet also vermehrt
ökonomische Zugangsschranken (Premium Dienste) aufweisen und eine
auf rein kommerzielle Interessen zugeschnittene "Belieferung"
mit Informationen und Warenangeboten umstellen. Das Nachsehen hätten
die Nutzer, die mit dem Internet nicht bloß ein weiteres Konsummedium
(im doppelten Sinne) haben wollen. Verantwortung und Gerechtigkeit müßten
gerade hier immer wieder durch eine kritische Öffentlichkeit innerhalb
und außerhalb des Netzes eingeklagt werden.
- Der Handlungsbereich der Massenkommunikation
ist auch im Internet ein "heißes" Feld. Die Qualität
der Online-Informationsdienste ist fraglich, das Internet gilt als große
Gerüchteküche (siehe Clinton/Lewinsky-Fall). Inzwischen gibt
es aber auch Onlinedienste, die durch ihre Netzpraxis Glaubwürdigkeit
erworben haben (z.B. Telepolis). Das bedeutet, daß Maximen
der journalistischen Ethik, wie Wahrheits- und Kritikorientierung, verantwortliche
Informationsgewinnung und -verarbeitung sowie Achtung der Privatsphäre,
im Internet nicht weniger angelegt werden können als außerhalb
des Netzes. Aber auch hier ist eine wirtschaftlich motivierte Entwicklung
zu Push Diensten, die den aktiven Nutzer zum passiven Empfänger
machen, nicht unwahrscheinlich. Hier ist aber auch das Feld, wo eine (bislang
eher passive) Publikumsverantwortung sich zu einer aktiven Benutzerverantwortung
wandeln könnte. Wie sehr sich "klassische" Massenmedien
mit Push Diensten etablieren werden, hängt letztlich auch von Zugriffsraten,
Gegenangeboten und Qualitätsbewußtsein der Benutzer ab.
Resümee:
Trotz Wertepluralismus können und sollen die kommunikativen Grundnormen
der Gerechtigkeit und der Verantwortung auch auf das Internet bezogen werden.
Das Internet stellt uns zwar vor vielfältige, ungewohnte und oft erst
einmal ratlos machende moralische Konfliktlagen. Gleichzeitig eröffnet
das Internet aber auch neue Chancen als multimediale und partizipatorische
Erweiterung der diskursiven Öffentlichkeit, als interaktives Kommunikationsmedium
zur Ausbildung von elektronischen Gemeinschaften und als hypertextuelles
Informationsmedium für den Zugriff auf Daten, Informationen, Nachrichten
und Medienangeboten.
Eine (noch zu formulierende) Medienethik
des Internet hätte vom (selbst-)verantwortlichen Umgang in und mit
der Online-Kommunikation auszugehen – dies sowohl im Blick auf individuelles
wie auch organisationelles Handeln in Systemstrukturen. Sie steht dabei
allerdings vor der schwierigen Aufgabe, zum einen sich auf ein technisch
und sozial höchst komplexes Medium zu beziehen (Stichwort
"Hybridmedium"),
zum anderen völlig neuartige Organisationsstrukturen und hochkomplexe
Kommunikationsprozesse berücksichtigen zu müssen (Stichworte:
"Globalisierung", "Informationsgesellschaft").
Zu bedenken ist schließlich auch,
daß Ethik nur helfen kann, Geltungsgründe zu generieren,
um die moralischen Probleme des Internet zu reflektieren und zu bewerten.
Geregelt und entschieden werden müssen Konflikte und strittige Handlungsnormen
durch netzinterne und -externe Auseinandersetzungen. Am praktischen öffentlichen
Diskurs führt auch im Netz kein Weg vorbei: das Internet ist so (un-)moralisch
wie die Gesellschaft.
Literatur:
Beck, Klaus/Vowe, Gerhard (Hrsg.) (1997): Computernetze
- ein Medium öffentlicher Kommunikation? Berlin: Volker Spiess
Debatin, Bernhard (1998): Ethik und
Internet. Überlegungen zur normativen Problematik von hochvernetzter
Computerkommunikation <http://www.uni-leipzig.de/~debatin/German/Netzethik.htm>
Debatin,Bernhard (1988): Allwissenheit
und Grenzenlosigkeit. Mythen um Computernetze <http://www.uni-leipzig.de/~debatin/German/CompMyth.htm>
Djordjevic, Valentina (1996): Von "emily
postnews" zu "help manners" - Netiquette im Internet <http://duplox.wz-berlin.de/texte/vali/>
Ess, Charles (ed.) (1996): Philosophical
Perspectives in Computer-Mediated Communication. Albany/NY: SUNY Press
Evangelische Akademie Lokkum (1997):
Internet und der Strukturwandel von Kommunikation und Öffentlichkeit
<http://www.evlka.de/extern/loccum/netztagung/>
Münker, Stefan/Roesler, Alexander
(Hrsg.) (1997): Mythos Internet. Frankfurt: Suhrkamp
Sandbothe, Mike (1996): Der Pfad der
Interpretation. Zur Medienethik des Internet. In: Teleopolis Nr. 0/1996,
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Stefik, Mark (1996): Internet Dreams.
Archetypes, Myths, and Metaphors. Cambridge/MA: MIT Press
Turkle, Sherry (1995): Life on the
Screen. Identity in the Age of the Internet. New York: Simon and Schuster.
© Bernhard Debatin 1998 http://www.uni-leipzig.de/~debatin/