Bernhard Debatin

Der digitale Gott: Das Internet als neue Heilsutopie

erschienen in:
Zeitschrift für Pädadagogik und Theologie (ZfPTH), Heft 3/99, Themenheft "Medien", S. 222-226


© Bernhard Debatin 1999. Kopieren und Nachdrucken nur zum privaten Gebrauch gestattet.


Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und Gott war das Wort.
(Johannes 1,1)


In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte der Jesuit Teilhard de Chardin das Konzept einer Versöhnung von Theologie und Evolutionstheorie (was ihm bekanntlich ein Lehr- und Publikationsverbot einbrachte). Teilhard betrachtete die Evolution als einen Prozeß, der nicht nur das Leben, sondern die gesamte Materie umfaßt, weshalb der gesamte Kosmos in einem steten Prozeß immer komplexeren Wandels begriffen ist, der schließlich zu einem ultimativen, alles integrierenden Konvergenzpunkt, dem Omegapunkt, führen soll.

Kerngedanke ist dabei die Idee der fortschreitenden Entwicklung einer "Noosphäre", in der sich die menschlichen Bewußtseine zu einem weltumspannenden "Super-Gehirn" vernetzen. Unterstützt durch "Elektronenautomaten" soll so der Vorstoß auf immer höhere Bewußtseinsebenen möglich werden, bis hin zur telepathischen Verkoppelung der menschlichen Bewußtseine zu einem "gleichgestimmten" Großbewußtsein, das sich im "Omegapunkt" gottgleich verdichtet. Das Erreichen des Omegapunktes ist das evolutionstheoretisch-metaphysische Äquivalent des christlichen Auferstehungs- und Erlösungsgedanken.(1) Teilhard hat damit eine Eschatologie in Gang gesetzt, die erst mit dem Internet ihre Entfaltung findet.

Die Idee der elektronischen Verbindung der menschlichen Bewußtseine durch das Internet zu einem ganzheitlichen, weltumspannenden Bewußtsein bzw. der Entstehung eines "global brain" durch die Verbindung der Computer selbst gehört zu den Grundmythen des Internetdiskurses.(2) Dabei weisen diese Mythen, von denen viele sich auf Teilhard beziehen, eine immense Bandbreite von naiver Esoterik über fundamentalistische und verschwörungstheoretische Apokalyptik bis hin zu sehr reflektierten theoretischen Beiträgen auf.(3)

In der Metapher des "global brain" vereinigen sich alle Aspekte einer digitalen Heilserwartung: Das biologisch-holistische Gaia-Konzept der Erde, der Bezug auf naturwissenschaftliche Theorien und auf die Computertechnik, sowie die Idee der fortschreitenden Entwicklung des menschlichen Geistes zu einem globalen, quasi-telepathischen Kollektivbewußtsein. Im folgenden möchte ich zwei typische Formen dieser Heilsutopie näher betrachten, nämlich zum einen die Idee eines computergestützten telepathischen Bewußtseins, und zweitens die Idee der Unsterblichkeit durch Cyborg- und Simulationstechnologie.
 

Computergestütztes telepathisches Bewußtsein

Das weltweite Computernetzwerk ist ortlos und überall, die in ihm ablaufenden Prozesse sind nahezu zeitlos, dezentral und beliebig umleitbar. Während Kommunikation normalerweise durch Transportprobleme in Zeit und Raum gekennzeichnet ist, gewinnt sie im Internet eine Unmittelbarkeit, die für Telepathie charakteristisch ist: Das Internet, das als umfassendes Computernetzwerk die Koppelung individueller Bewußtseine ermöglicht, wird durch diese Ubiqität und Synchronität zu einer Art instantan kommunizierendem Bewußtseinssystem, in dem Bewußtseins- und Kommunikationsleistungen telepathisch miteinander verschmolzen sind. So kommt es zu einer ganz neuartigen Form der Bildung von sozialen Beziehungen:

Like no time in history, we can intimately resonate with like minds scattered across the globe, build friendships beyond geography, and achieve links with individuals and communities that approach electronic telepathy.(4) Der durch die computergestützte Kommunikation erzeugte Erfahrungsraum liegt im virtuellen Raum, während die Benutzer vor ihren Computern sitzen. Im zeit- und ortlosen Cyberspace sind die Gesetze und Erfahrungen des euklidischen Raumes außer Geltung und können nur noch metaphorisch, zum Zwecke der Veranschaulichung, verwendet werden. Dies hat Konsequenzen für die Selbstwahrnehmung und das Bewußtsein der verbundenen Subjekte: Einem Bewußtsein, das derart mit enorm schnellen und weitreichenden Kommunikationsmedien gekoppelt ist, daß der Ort des Geschehens nicht mehr die verschwindende Außenwelt, sondern ausschließlich das Bewußtsein selbst ist, eröffnet sich die mediale Allgegenwart eines beobachtenden, aber nicht mehr handelnden Gottes und die intime Isolation der parasozialen Interaktion.(5) Wenn hier schon das einzelne Bewußtsein gottgleich ist, muß die Koppelung der Bewußtseine durch das Internet, so die "global brain" These, diesen Emergenzeffekt noch mehr hervorbringen. Dies bietet wiederum eine direkte Anknüpfung die Philosophie von Teilhard: As Abraham points out, Teilhard's complexity-consciousness law is the same as what we now think of as the neural net. [...] If one accepts this power of connections, then the planetary neural-network of the Internet is fertile soil for the emergence of a global intelligence.(6) Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sich auf der Basis dieser Koppelungen ein eigenständiges Bewußtsein bildet. Diese allgemeine Erwartung wird durch Projektionen aus der Artificial Intelligenz-Forschung gestützt, denen zufolge das Internet eine ideale Brutstätte zur Erzeugung künstlicher Intelligenzformen darstellt. Grundlegend ist dabei die Idee des AI-Mitbegründers Marvin Minsky, die Entstehung von Geist aus dem Zusammenwirken vieler einzelner, für sich geistloser Elemente zu erklären.(7) Die heutzutage im Internet bereits weitverbreiteten Software Agents, die zur Suche und zum Austausch von Information das Netz durchstreifen und miteinander kommunizieren, sollen dabei eine zentrale Rolle spielen. Auf lange Sicht sollen diese "Netzagenten" jene Form der verteilten und zugleich massiv parallelen Intelligenz hervorbringen, die das Internet zum Supergehirn macht. Dabei würde nicht nur das Netz zum "global mind", sondern jeder Benutzer würde Teil desselben: Schließlich können die Gehirne der Benutzer so eng mit dem Web verbunden sein, daß es buchstäblich zu einem Gehirn von Gehirnen wird: zu einem Supergehirn. Gedanken würden über das Web von einem Benutzer zum anderen gehen, von dort zurück ins Web und so weiter. Millionen von Gedanken würden so parallel über das Supergehirn wandern und in diesem Prozeß ein immer größer werdendes Wissen schaffen.(8) Die Benutzer sind hier als perfekte Cyborgs gedacht, die über eine neuronale Schnittstelle direkt, also telepathisch mit dem Netz und den anderen Benutzern verbunden sind.

Elektronische Unsterblichkeit

Die Verkoppelung von Mensch und Computer ist spätestens seit Donna Haraways euphorischer Cyborg-Theorie zum Objekt metaphysischer Spekulation geworden. Bereits mit der Anpassung an die Hard- und Softwareschnittstellen des Computers, so die These, mutiert der Mensch zum Cyborg, denn er wird dabei nicht nur in die Peripherie des Computernetzwerkes integriert, sondern zugleich in seiner personalen und ontologischen Identität verändert. Haraway bezieht dies zunächst darauf, daß der Cyborg den Zwängen der sozialen und Geschlechterrolle entfliehen kann und so neue Formen der Konstruktion von Identität möglich werden.(9) Freilich ist, wie der Poststrukturalismus gezeigt hat, Identität immer schon ein diskursives Konstrukt und also an Worte und Erzählungen gebunden. Im körperlosen virtuellen Cyberspace, und vor allem in den textbasierten Spielwelten des Internet, tritt diese Bindung an das Wort gleichsam in reiner Form hervor: hier wird das Fleisch ganz Wort.

Der nächste, nur folgerichtige Schritt ist die Idee, daß mit der Vereinigung von Mensch und Computer zum Cyborg eine maschinelle Form der Unsterblichkeit erworben werden kann. Bei dieser "neurotechnologischen Aufrüstung" des Menschen zum Cyborg geht es letztlich darum, den menschlichen Geist vom biologischen Gehirn in eine elektronische Hardware zu verpflanzen, um die alterungsanfällige Biomasse zu substituieren. In diesem Zusammenhang ist vor allem das (ernst gemeinte) "Mind Uploading" Projekt der Roboterforscher Hans Moravec und Joseph Strout bekannt geworden:

By any name it refers to copying the subject's brain pattern into an artificial device built to work like a natural biological brain. The original body is discarded, and the subject wakes up either in a shiny new body, or in an entirely artificial reality generated within a giant computer.(10) Moravec entwickelt dabei eine Zukunftsvision, in der die Computerisierung des Lebens und die Verlebendigung des Computers Hand in Hand gehen und die Lebensumstände der Menschheit sich innerhalb von nur 100 Jahren komplett verändern: Die Fortschritte der Robotik und die expansive Evolution des Cyberspace sollen die Welt in ein Reich des irdischen und extraterrestrischen Friedens verwandeln. Schließlich wird der Geist sich völlig von seinen biologischen Fesseln befreien und als reine Information in den simulierten Welten des Cyberspace bewegen: Lebewesen werden nicht mehr durch ihre körperlichen und geographischen Grenzen definiert werden, sie werden Identitäten als Transaktionen von Informationen im Cyberspace begründen, erweitern und verteidigen. Die alten Körper der Extraterrestrischen werden, veredelt zu einer Matrix für den Cyberspace, miteinander verbunden sein und der in reine Software verwandelte Geist wird beliebig zwischen ihnen herumwandern.(11) Während diese schon recht paradiesische Theorie noch ohne theologische Implikationen entfaltet wird, argumentiert der Physiker Frank Tipler in seiner Physik der Unsterblichkeit explizit theologisch. Er beansprucht, eine wissenschaftliche Theorie zu entwickeln, die erklärt, daß und wie durch die Entwicklung eines gottgleichen, allmächtigen Supercomputers alle gegenwärtigen und vergangenen Zustände, inklusive aller Bewußtseinszustände eines jeden je existiert habenden Menschen, simuliert werden können. Dabei erklärt Tipler nicht nur die Theologie zum Teilbereich der Physik, sondern schließt zugleich direkt an Teilhards Omegapunkt-Theorie an: In vorliegendem Buch will ich die Omegapunkt-Theorie beschreiben, eine beweisbare physikalische Theorie, die besagt, daß ein allgegenwärtiger, allwissender, allmächtiger Gott eines Tages in der fernen Zukunft jeden einzelnen von uns zu einem ewigen Leben an einem Ort auferwecken wird, der in allen wesentlichen Grundzügen dem jüdisch-christlichen Himmel entspricht.(12) Die Auferstehung des Fleisches ist hier wiederum seine Digitalisierung: Der "physikalische Mechanismus der Auferstehung", so Tipler, ist in der Programmierung des Supercomputers mit enthalten. Somit hat diese Auferstehung mit Leiblichkeit nicht viel gemein, sie bezieht sich auf einen virtuellen, gleichzeitig allumfassenden Simulationsraum.

Tiplers Theorie weist stark eschatologische Züge auf, insofern sie die im Omegapunkt gefaßte letzte Zukunft zu ihrem eigentlichen Interesse macht. Der Omegapunkt ist nämlich nicht nur der computergestützte Kulminationspunkt der biologischen, technologischen und kosmologischen Evolution, sondern auch ein personaler, allmächtiger Gott:

Es muß in dieser Zukunft (allerdings in zwei präzisen mathematischen Bedeutungen, auch in der Gegenwart und in der Vergangenheit) eine allmächtige, allwissende und allgegenwärtige Person geben, die transzendental und zugleich im physikalischen Universum von Raum, Zeit und Materie vorhanden ist. Hinsichtlich des ihr immanenten zeitlichen Aspekts verändert sich die Person (ihr Wissen und ihre Macht nehmen ewig zu), während ihr transzendenter Ewigkeitsaspekt beinhaltet, daß sie immer vollendet und unveränderlich ist.(13) Der Traum des Prometheus

Telepathische Allwissenheit und virtuelle Unsterblichkeit sind, wie ich hier zu zeigen versucht habe, zwei grundlegende Formen des eschatologischen Internetdiskurses. Betrachtet man Technik nicht bloß von ihrer instrumentellen Seite, sondern als Generator und Katalysator von Utopien und Mythen, so wird deutlich, daß das Internet und die mit ihm verwobene Computermetaphorik hier eine besonders produktive Rolle einnehmen.(14) Das Internet dient in der Tat als narrative Folie für die neue Heilsutopie des nahenden digitalen Gottes, der ganz Logos ist. Ob dies bloß Mythos und Mem ist, oder utopischer Vorschein einer neuen Theologie der Technik, wird die Zukunft zeigen. Einstweilen erscheinen die Heilsutopien des Internet jedoch nur als eine neue Version der ungezählten prometheischen Mythen, in denen eine technische Schöpfung zum universellen Helfer und Erlöser stilisiert wird.


Anmerkungen:

(1)   Vgl. Teilhard de Chardin (1969): Die Entstehung des Menschen. München: Beck, v.a. 117ff. **zurück**
(2)   Für einen Überblick vgl.: Francis Heylighen (1996): Vom World Wide Web zum globalen Gehirn; in: Telepolis, 12.08.96. **zurück**
(3)   Vgl. z.B.: Erik Davis (1997): From the Gaian Mind to the Indranet: The Pop Metaphysics of Digital Connection, in: Intertwinedness; Scott London (1995): Cyberspace and the New Consciousness, in: Tri-Mix, 1995; H. Christof Günzl (1996): Die digitale Informationsrevolution, in: Neue Perspektiven, 44/1996. **zurück**
(4)   Erik Davis (1997), From the Gaian Mind to the Indranet: The Pop Metaphysics of Digital Connection. **zurück**
(5)    Peter M Spangenberg. (1991): Mediale Koppelungen und die Konstruktivität des Bewußtseins. In: Gumbrecht, Hans Ulrich/Pfeiffer, K. Ludwig (Hrsg.): Paradoxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche. Frankfurt, 791-808, hier: 804. Der Text wurde übrigens ohne direkten Bezug zur Computerkommunikation geschrieben. **zurück**
(6)   Jennifer Cobb Kreisberg (1995): A Globe, Clothing Itself with a Brain, in: Wired 3.06/1995. **zurück**
(7)  Marvin Minsky (1988): The Society of Mind, New York: Simon & Schusters, Inc. **zurück**
(8)  Francis Heylighen (1996): Vom World Wide Web zum globalen Gehirn; in: Telepolis, 12.08.96, . Für eine fiktionale Diskussion der Konsequenzen und Paradoxien von Netzagenten mit Bewußtsein vgl. auch: Astro Teller (1997): Exegesis. Vintage: New York. **zurück**
(9)   Vgl. Donna J. Haraway (1990): Manifesto for Cyborgs: Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980s, in: L.J. Nicholson (ed.): Feminism/Postmodernism, New York: Routledge, 190-233 für eine empirisch-psychologische Untersuchung vgl.: Sherry Turkle (1995): Life on the Screen. Boston: MIT Press. **zurück**
(10)  Strout, Joseph 1997, The Philosophy and Technology of Mind Uploading, in: Sci-Fi Arizona, Writer's Workshop, August 1997, Vol 2, No. 8a (Als  PDF file: http://www.scifi-az.com/articles/guest1.pdf). **zurück**
(11)   Hans Moravec (1996) Die Evolution postbiologischen Lebens, in: Telepolis; vgl. auch: ders. (1996): Die Wirklichkeit ist ein Konstrukt des Bewußtseins, in: Telepolis. **zurück**
(12)   Frank Tipler (1994): Die Physik der Unsterblichkeit: Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten, München: Piper, Einleitung. **zurück**
(13)   Tipler (1994), Die Physik der Unsterblichkeit: Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten, München: Piper, Einleitung. **zurück**
(14)   Vgl. auch: Bernhard Debatin (1998): Allwissenheit und Grenzenlosigkeit: Mythen um Computernetze; ders. (1997): Metaphern und Mythen des Internet. **zurück**


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