Allwissenheit und Grenzenlosigkeit: Mythen um Computernetze
Vortrag gehalten auf der Jahrestagung
der DGPuK in Mainz 1998
veröffentlicht in:
Jürgen Wilke (Hrsg.): Massenmedien
und Zeitgeschichte.
Schriftenreihe der DGPuK, Bd. 26,
Konstanz: UVK Medien 1999, S. 481-493
© Bernhard Debatin 1998. Kopieren und Nachdrucken nur zum privaten Gebrauch gestattet.
Inhalt:
"Zukunft ist, sich das Wissen der Welt blitzschnell aus dem Internet zu holen"
(ISDN-Werbung der Telekom)
Mit diesem Slogan der Telekom ist der Grundmythos
des Internet auf den Punkt gebracht: Allwissenheit und Grenzenlosigkeit.
Wie alle Mythen ist aber auch dieser Mythos ambivalent, denn Allwissenheit
kann ebenso Macht und Weisheit wie Überwältigung und Überwachung
bedeuten, und ähnlich kann Grenzenlosigkeit Aufhebung aller Beschränkungen
wie auch Identitätsverlust und Übergriff bedeuten. Um Bedeutung
und Wirkung dieser mythischen Projektionen zu erschließen, werde
ich im folgenden ihren Zusammenhang mit der Entwicklung der Technik zu
rekonstruieren versuchen.
Technophile und technophobe Mythen als historische Konstante
Bei jedem neuen Kommunikationsmedium gibt es "heiße" Phasen, in denen dieses mit Erwartungen und Befürchtungen bedacht wird, also gleichermaßen als Wunschmaschine und als Bedrohung erlebt wird. Die vorweggenommenen Vorzüge können jederzeit in Gefährdungen umschlagen. Bereits in den Platonischen Dialogen ist diese Zwiespältigkeit verstanden, und zwar nicht nur in jener vielzitierten Stelle aus dem Phaidros (274c-276a) im Hinblick auf die Schrift,1 sondern auch schon im Blick auf das primäre Kommunikationsmedium des Menschen, die Sprache, deren Ambivalenz im Kratylos (v.a. 435d4-439b9) ausführlich debatiert wird.2
Der Übergang von der oralen zur Schriftkultur wird bei Platon klar als Krise, d.h. als Einheit von Gefährdung und Chance, thematisiert. Die nächste große medientechnische Revolution, die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern hat nicht nur zur ‘Explosion’ des geschriebenen Wortes geführt, sondern auch wegen der damit verbundenen Aufklärungswirkungen große Hoffnungen3 und Befürchtungen4hervorgerufen.
Die je neueste Technik ist immer schon Gegenstand von Träumen und Wünschen, Projektionen und Mythen gewesen. Ungezählt sind die Mythen und Geschichten, in denen eine technische Schöpfung (Homunkulus, Maschinenmensch, Cyborg oder Künstliche Intelligenz) zum universellen Helfer und Allheilmittel wird oder sich zerstörerisch gegen ihre Schöpfer erhebt. Die Koppelung von Technophilie und Technophobie scheint dabei eine Konstante in der Technikentwicklung zu sein. Sie findet sich stets, wenn sich eine neue Technologie ausbreitet.
Die utopischen bzw. apokalyptischen Erwartungen
können also nur vor dem ungewissen, offenen Zeit- und Möglichkeitshorizont
des Neuen entstehen. Während bekannte und veralltäglichte Technik
eine erfahrungsgesättigte Erwartbarkeit und einen abgesteckten Zeithorizont
eignet, ist neue Technik mit der Ungewißheit des Potentiellen behaftet
und damit Projektionsfläche für euphorische und apokalyptische
Mythen, die erst allmählich im Prozeß der Normalisierung und
Veralltäglichung dieser Technik verschwinden, um damit nur den Platz
für neue Mythen frei zu machen.5
Technik im aristotelischen Sinne ist das vom gestaltenden Menschen hervorgebrachte Artefakt. Sie ist aber nicht nur künstlicher Gegenstand, sondern auch zweckgerichtetes Instrument der Organverlängerung, der Organverstärkung und der Organersatzes (Gehlen), sie ist auf die prothetische Erweiterung und Überwindung der natürlichen Grenzen des menschlichen Wirk- und Wahrnehmungsraumes gerichtet.6
Technik kann deshalb allgemein unter dem Begriff der Teleprothetik gefaßt werden. In der durch die Teleprothetik möglichen Überschreitung räumlicher, zeitlicher und personaler Grenzen zur Erzielung von Fernwirkungen zeigt sich ihr Telos der Grenzenlosigkeit.7 Die instrumentelle Zwischensphäre der Teleprothetik tritt als Medium zwischen Mensch und Welt und erzeugt im Zustreben auf die Grenzenlosigkeit immer neue Grenzen. Die Teleprothetik ist paradoxerweise mit zunehmender Technisierung immer mehr auf ihre eigenen Vermittlungsleistungen angewiesen, denn der menschliche Wirk- und Wahrnehmungsraum wird durch seine Technisierung immer komplexer: Die teleprothetisch erzeugte instrumentelle Zwischensphäre bedarf nun selbst zunehmender Vermittlung durch Technik, die Zugriff auf Technik erlaubt (z.B. Bedienungsoberflächen, Steuer-, Regelungs- und Systemtechnik).
Diese besonderen Eigenschaften der Teleprothetik sind erst recht für die Kommunikationstechnologie gültig: Entschränkung der Kommunikation und damit die Überwindung personaler, räumlicher und zeitlicher Grenzen, waren immer schon Motiv und Ziel der Technisierung von Kommunikation durch Medien der Speicherung und der Übertragung von Information. Zum Telos der Grenzenlosigkeit kommt bei den Kommunikationsmedien das Telos der Allwissenheit hinzu, denn erst sie erlauben den (scheinbar) unbeschränkten Zugriff auf Wissen. Die Schrift, das Buch und die Bibliothek sind klassische Mediatisierungen, die die Fixierung, Erweiterung und Entgrenzung des Wissens ermöglichen.
Diese Entschränkungsprozesse haben durch weitere medientechnische Erfindungen (Buchdruck, elektronische Medien) erheblich Beschleunigungen erfahren und dadurch ihrerseits die Entwicklung komplexer Gesellschaften befördert (vgl. Luhmann 1981; Luhmann 1997: 291-315). Die medientechnische Teleprothetik erzeugt dabei die systematische Paradoxie, daß mit zunehmender Mediatisierung der Kommunikation auch der kommunikative Wirk- und Wahrnehmungsraum immer komplexer wird, sich als eigenständiger Informationsraum etabliert, der dann selbst zunehmender Vermittlung durch Medien bedarf, die den Zugriff auf Medien und damit die Bildung von Wissen über Wissen erlauben (z.B. Verzeichnisse, Kataloge, Wiederfinde- und Selektionssysteme).
Hinter diesem Problem verbirgt sich eine Komplexitätsparadoxie,
die sich aus dem mit jeder Komplexitätssteigerung verbundenen Transparenzverlust
ergibt, welcher dann Komplexitätsreduktionen erfordert, die ihrerseits
in anderen Bereichen zu neuerlicher Komplexitätssteigerung und Intransparenzen
führen. Aufgrund der Komplexitätsparadoxie sind Allwissenheit
und Grenzenlosigkeit sind nicht nur Telos, sondern auch der basale
Mythos der Teleprothetik. Der Mythos lebt davon, daß Grenzenlosigkeit
und Allwissenheit mit jeder neuen Technologie näher zu rücken
scheinen, sich jedoch durch die gleichzeititg anwachsende Komplexität
wieder entfernen, um so erneut das Bedürfnis nach besserer, leistungsstärkerer
Teleprothetik zu wecken. Deshalb ist der Mythos von Allwissenheit und Grenzenlosigkeit
nicht erst seit dem Internet virulent, sondern er läßt er sich
bei allen historischen Medienwechseln beobachten.
Vom Materialtransport zum immateriellen Teleport durch den Computer
Daß die Entwicklung der Computertechnik von Beginn an von starken mythischen Projektionen begleitet wird, ist auf zwei besondere Eigenschaften des Computers zurückzuführen: Zum einen die Art der Übertragung und zum anderen die Art der Verarbeitung von Daten mittels Computern.
Vor und noch lange nach der medientechnischen Revolution des Buchdrucks war die Verbreitung der Kommunikation an Verkehrs- und Transportnetze gebunden. Erst die elektronischen Medien brachten die instantane Übertragung von Daten über beliebig weite Strecken mit sich, und damit auch eine neue Form der Vernetzung von Kommunikation: Aus Transport von Materie wird der Teleport von Energie und Information, aus Verkehrsnetzen werden werden Informations- und Energienetze (Telefonnetz, Rundfunk, Stromverbundnetze etc.). Durch die Verwendung elektrischer und optischer Impulse löst sich die technisch vermittelte Kommunikation endgültig von der Schwerkraft des Transportes materieller Zeichenträger und ermöglicht Telekommunikation in Echtzeit.
Im Unterschied zur ‘konventionellen’ elektronischen Datenübertragung (Telegraph, Telefon, Rundfunk), bei der die Informationen in einer Black Box verschwinden, um an anderer Stelle unverändert wieder hervorzutreten, verschwindet beim Computer die digitalisierte Information in der Black Box eines elektronischen Speicher- und Verarbeitungsmediums, um aus diesem in veränderter Form und verändertem Gehalt wieder hervorzutreten. Energie wird nun nicht mehr nur zur Übertragung von Information im physikalischen Raum, sondern auch zur Erzeugung von Ordnung im informationellen Raum eingesetzt.
Die Macht der mythischen Projektionen wird durch
diese informatorisch-energetische Arbeitsform der datenverarbeitenden Maschinen
entscheidend verstärkt: Da der Computer auf abstrakten, körperlosen
Algorithmen beruht und sich nicht mehr materieller, sondern energetischer
Zeichenträger bedient, erhalten seine Operationen eine magische
Immaterialität. Es ist diese eigentümliche Immaterialität
der elektronischen Datenverarbeitung, zumal in ihrer komplexen Form der
"Künstlichen Intelligenz", die den Computer ganz in der Tradition
des Kartesianischen Dualismus zur res cogitans und so zum
Konkurrenzunternehmen des menschlichen Denkens werden läßt.
Die seit dem Turing-Test zum Teil verbissen geführten Debatten um
die Denkfähigkeit des Computers zeigen, daß es dabei um den
Angriff auf den Mythos von der Einmaligkeit des menschlichen Denkens geht.
Das Medium Computer unterscheidet sich, wie wir gesehen haben, von anderen Kommunikationsmedien insofern, als mit ihm Informationen nicht mehr nur gespeichert und verbreitet, sondern auch intelligent verknüpft werden; der Computer übernimmt damit spezifische Leistungen des menschlichen Gehirns. Dies hat den Computer als mythisches Medium zur Erlangung von Allwissenheit geradezu prädestiniert. Paradigmatisch ist hier die Geschichte der "Künstlichen Intelligenz", die euphorisch mit dem Projekt eines allmächtigen "General Problem Solver" begann, dann aber lediglich Expertensysteme hervorbrachte, die nur in eng begrenzten Kontexten hochspezialisierte Aufgaben lösen können.8
Jeder Schritt dieser Entwicklung war von unrealistischen Erwartungen positiver wie negativer Art begleitet. Dem überschwenglichen Optimismus von Entwicklern und Experten, die mit immer neuen Ankündigungen vor allem die Finanzierung ihrer Projekte sichern wollten (vgl. Roszak 1986: 53ff.), stand eine pessimistische "Abwehr-Literatur" gegenüber, die mit der steten Betonung der menschlichen Einmaligkeit eine Art anthropozentrische Besitzstandswahrung betrieb (vgl. Ropohl 1991: 154).
Auf jedem Fall aber markiert die Einführung der informationsverarbeitenden Computer den Übergang von klassischen kraftverstärkenden Maschinen zu "transklassischen" intelligenzverstärkenden Maschinen, wenn auch letztere mit Uhren, Reglern und Spielautomaten bereits ihre Vorläufer und im Homunkulus ihren Vorläufermythos hatten. Dabei rufen die intelligenzverstärkenden Maschinen aufgrund ihrer bereits hervorgehobenen Nähe zu den Denkleistungen des menschlichen Gehirns "eine Art unterwürfige Ehrfurcht hervor, die mehr als nur im Keim pathologisch ist"9 und die den Boden für neue Mythen bereitet, von apokalyptischen Verschwörungstheorien bis hin zu euphorischen Allmachtphantasien.10
Hier taucht wiederum die Paradoxie auf, daß die intelligenzverstärkenden Maschinen das Ziel der Allwissenheit in greifbare Nähe zu rücken scheinen, aber durch ihre Operationsweise stets neue Intransparenz, also auch neues Nichtwissenheit produzieren. Dies auf zweifache Weise:
Diese Problematik wird durch die Interakivität
vernetzter Computerkultur und durch die (im Unterschied zu gedruckter Information)
leichte Veränderbarkeit der digitalen Information noch verschärft.
Die seit der Ausbreitung des Internet populäre gewordene Rede von
der Datenflut und der Informationsbombe ist
die logische Konsequenz dieses Dilemmas und zugleich eine der negativen
Zuspitzungen des Allwissenheitsmythos.14
Durch die Vernetzung von Computern zu einem weltweiten Netzwerk von datenaustauschenden öffentlichen und privaten Rechnern wird Informatik zur Telematik, die den Zugriff auf beliebig weit entfernte Computer gestattet und so komplexe Fernstwirkungen in Echtzeit ermöglicht. Der damit etablierte elektronische Informationsraum ist zumindet im Prinzip zeit- und grenzenlos, so daß die Teleprothetik mit der telematischen Verknüpfung der Computer nun auch die Zeitbarriere überschritten zu haben scheint. Gleichzeitigkeit und Ubiquität sind die Merkmale des Cyberspace, in dem die Gesetze und Erfahrungen des euklidischen Raumes außer Geltung sind und nur noch metaphorisch, zum Zwecke der Veranschaulichung, verwendet werden können.
Deshalb beruhen die mentalen Modelle des Internet auf einer prinzipiellen Raummetaphorik, die sich in vielfältigen Metaphernfeldern ausprägt. Grundlegend ist dabei die Metaphorik des Netzes. Die Netzmetaphorik bezieht sich zunächst auf die angeschlossenen Rechner und die dahinter sitzenden Benutzer, die als Knotenpunkte in einem multidimensionalen Netz vorgestellt werden. Die Netzmetaphorik kann besonders stark amplifiziert werden, denn sie findet sich auf der Ebene der physikalischen Rechnernetze, der Vernetzung des Datenverkehrs, der hypertextuellen Vernetzungen und der computervermittelten sozio-kommunikativen Beziehungsnetze.
Die vielen verschiedenen Metaphern des Internet lassen sich auf einige wenige grundlegende Metaphernfelder zurückführen, die als Variationen der Netzmetaphorik gelten können (vgl. Debatin 1997). Hier sind zu nennen:
(2) Der Mythos des Wissens bezieht sich auf das Internet als einem gigantischen Wissensspeicher und gesellschaftlichen Gedächtnis. Der Mythos der reibungslos kommunizierbaren Information konkretisiert sich in der Idee digitaler Bibliotheken, vernetzter elektronischer Datenbänke und ungehemmter Datenflüsse, wobei dieser Fiktion von potentieller Allwissenheit die Furcht vor allgemeiner Datenflut und damit einhergehender spezieller "Datendürre" gegenübersteht (vgl. Stefik 1996).
(3) Der Mythos der Identität zeichnet das Internet als neuen Erfahrungs- und Wahrnehmungsraum. Die körperlose virtuelle Welt der Netchats und anderer sozialer Orte im Netz (MUDs und MOOs) ermöglicht einen experimentellen Umgang mit der kulturellen, geschlechtlichen und sozialen Identität und hat so den postmodernen Mythos der dezentrierten, multiplen Persönlichkeit und den Mythos einer neuen Körperlichkeit als gleichermaßen attraktive wie bedrohliche Vision evoziert (Turkle 1995).
Die seit Anfang der neunziger Jahre in immer neuen Wellen anrollende "Internet-Hype" hat den Mythos der Vernetzung verbreitet und damit Vernetzung als Ideal und zugleich als Norm gesetzt. In der neoliberalen Netzideologie der kalifornischen "Wired"-Apologeten wird der Anschluß ans Netz zum großartigen Mittel einer übernationalen Vergesellschaftung hochstilisiert, die mit den Begrenzungen des Nationalstaates zugleich auch den Ballast sozialstaatlicher Institutionen abschüttelt und direkt in die Bildung eines freiheitlichen Cyberstaates mündet. Die Bürger dieses virtuellen Staates sind durch ihre elektronische Vernetzung an- und eingeschlossen: ihre Versorgung mit Informationen und Waren soll nun unabhängig von räumlichen, zeitlichen und personellen Begrenzungen gesichert werden (vgl. Negroponte 1995).
Dementsprechend ist die Einrichtung des Cyberstaates direkt mit der Idee eines hochbeschleunigten, stark rückgekoppelten, deregulierten und globalisierten Marktes verbunden, dessen Kommunikationsströme ebenso über das Internet laufen wie die Kommunikationen der virtuellen Universitäten, die dem User mit "distance learning" Technologien eine permanente Weiterbildung und den Anschluß an das Wissen der Welt erlauben. Getting connected und being wired versprechen damit erneut Allwissenheit und Grenzenlosigkeit, aber es zeigt sich hier auch, daß Vernetzung nicht nur ein Inklusions-, sondern zugleich ein Ausgrenzungsmechanismus ist.
Grenzenlosigkeit und Allwissenheit finden (wenn überhaupt) nur im Netz statt, wer sich im Außerhalb befindet, hat Pech gehabt. Ökonomische, politische, sozio-kulturelle, sprachliche, bildungsmäßige, geschlechts- und rassenspezifische sowie kognitive Zugangs- und Kompetenzschwellen werden trotz gegenläufiger Zahlen aus den Industrieländern noch auf lange Sicht die weltweite Situation bestimmen. Die aus der Kommunikationsforschung bekannte Wissensklufthypothese wird mit der "digital divide" (Tapscott 1998) zwischen den vernetzten information rich und den ausgeschlossenen information poor um eine weitere Problemlage ergänzt.15
Um so größer ist die Attraktivität der Vernetzung, denn alle Probleme der Welt, die real nicht zu lösen sind, sollen nun, so der Mythos amerikanischer Politiker, auf einmal im virtuellen Raum der Computernetze gelöst werden können.16 Gleichzeitig sind es eben diese interaktiven Computernetze, die Paul Virillo zufolge den "Unfall der Unfälle", den absoluten Info-GAU herbeiführen sollen, nämlich die Explosion der unbegrenzten Information. Nach der Atombombe nun die elektronische Bombe, "a bomb whereby real-time interaction would be to information what radioactivity is to energy" (Virillio 1995).
Der hier behaupteten mythischen Daten-Apokalypse
steht aber auch der ungebrochene Mythos des kommunikationstechnisch-wissenschaftlichen
Fortschritts gegenüber: Der Zukunftsforscher Michio Kaku sieht in
der Computertechnologie die treibende Kraft des 21 Jahrhunderts, zumal
wenn sich die Leistungsfähigkeit der Computer weiterhin nach dem Moorschen
Gesetz alle 18 Monate verdoppelt. Im nächsten Jahrhundert
sollen alle Menschen zu "wandelnden Knoten" in einem weltweiten und allgemein
zugänglichen Internet werden, das als "Zauberspiegel" das gesamte
Wissen der Menschheit reflektiert. Der nächste Schritt wäre dann
die Entwicklung von bewußtseins- und gefühlsfähigen Computern
(vgl. Kaku 1998). Damit erstrahlt der Mythos in neuem
Glanz.
Obwohl die Computertechnologie eine Fortentwicklung der Teleprothetik in die Sphäre der Information und Kommunikation darstellt, ist sie mehr als bloße Verlängerung und Ersetzung von Organen. Mit der Entwicklung intelligenter Schnittstellen und der Vernetzung von Computern wird ein Informationsraum geschaffen, in dem der Mensch nicht mehr gegenständlich operiert, sondern mit anderen Menschen und (wenn auch eher metaphorisch) mit anderen Computern kommuniziert.
Mehr noch, der Cyberspace ist keine Extension von Körper oder Geist, sondern stellt aufgrund seiner Interaktivität und Vernetztheit eine virtuelle Informations- und Kommunikationsumwelt dar, die es zu erkunden und zu er-leben gilt (Vgl. Johnson 1997: 23ff.). In dieser virtuellen Info-Sphäre des Cyberspace ist aber nicht nur die Unterscheidung zwischen wahrhaftigen und vorgetäuschten Kommunikationen schwierig,17 sondern auch die Unterscheidung zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Kommunikationspartnern.
Das Auftreten von Knowbots und anderen Intelligent Agents, die zur Filterung, Gewinnung und Vermehrung von Wissen mit ihresgleichen oder auch mit Menschen kommunizieren ist ein erster Hinweis auf diese Entwicklung (vgl. Turkle 1995, Kap. II). Das endlose Gemurmel, das Foucault (1977) im Wuchern der Diskurse und Eco (1990) in der virtuellen Kommunikation zwischen den Büchern in den Bibliotheken sah, materialisiert und konkretisiert sich eigentümlich in der vernetzten Computerkommunikation.
Das computervermittelte und -vernetzte Kommunikationssystem scheint damit jene Dynamik zu gewinnen, die schon vor seiner technischen Realisierung zu bewußtseinsphilosophischen Spekulationen Anlaß bot: Bereits in den vierziger Jahren entwickelte Teilhard de Chardin (1969: 117ff.) die Idee einer "Noosphäre", in der sich die menschlichen Bewußtseine zu einer Art "Super-Gehirn" vernetzen. Unterstützt durch "Elektronenautomaten" soll so der Vorstoß auf höhere Bewußtseinsebenen möglich werden, bis hin zur telepathischen Verkoppelung der Bewußtseine zu einem metaphysischen Großbewußtsein, das sich im "Omegapunkt" gottgleich verdichtet.
Ähnlich, wenn auch weniger euphorisch, hat Lem in den sechziger Jahren die Idee von denkenden Maschinen entworfen, die einzeln psychisch "tot" sind, "doch zusammengeschaltet (z.B. durch Telefonleitungen) bilden sie eine einheitliche, geschlossene ‘Persönlichkeit’, einen ‘denkenden Homöostaten’."(Lem 1981: 222). Dabei wäre das Bewußtsein dieser Maschinen Lem zufolge ebensowenig lokalisierbar wie das menschliche Bewußtsein, da über das weltweite Netzwerk verteilt.
Die Mythen der Noosphäre, des "Global Brain" oder der "elektronischen Gaia" haben sich auch im Internet selbst verbreitet, zum Teil als Heilsutopie, und zum anderen Teil als Verschwörungstheorie, die in der in Vernetzung den Beginn der globalen Telekratie wittert. Jenseits solcher spektakulären Theorien legt aber der interaktive Kommunikationsmodus der Computernetze eine telepathische Interpretation durchaus nahe: Die Computer werden die durch ihre Vernetzung gleichsam ortlos, da im Prinzip alle Prozesse verteilt, dezentral und beliebig umleitbar sind, womit die Prozesse ihrerseits nahezu zeitlos und ubiquitär werden.
Genau diese Unmittelbarkeit aber zeichnet Telepathie aus.18 Durch die mediale Koppelung individueller Bewußtseine mit dem Internet scheint dieses zu einer Art instantan kommunizierendem Bewußtseinssystem zu werden, ein System also, in dem Bewußtseins- und Kommunikationsleistungen miteinander verschmolzen sind. Die medial-telepathische Koppelung scheint nun die Erfüllung der mythischen Versprechen von Allwissenheit und Grenzenlosigkeit zu garantieren. Diese Illusion der Telepathie aber führt zugleich zu einer Art Implosion des subjektiven Bewußtseins:
Der Mythos von Allwissenheit und Grenzenlosigkeit, so habe ich hier zu zeigen versucht, ist ein grundlegendes Merkmal des Diskurses der vernetzten Computerkommunikation. Die Attraktion dieses Mythos und seine Reifikation durch die Strukturen der Computernetze machen es möglich, daß die Wirklichkeit der Computerkommunikation hinter der Leuchtkraft des Mythos zurücktritt. Diese Wirklichkeit ist nämlich gekennzeichnet durch eine eigenartige Dialektik von Hardware und Software, bei der jede neue Hardware stets durch die neue Software abgebremst wird.
Immer komplexere Software erfordert immer schnellere Rechner, woraufhin dann wieder noch umfangreichere Software produziert wird. In einer Art Gummibandeffekt ziehen sich die beiden Seiten also gegenseitig nach vorne, hemmen sich dabei aber auch immer wechselseitig. So muß sich der Computer-user damit abfinden, daß trotz immer leistungsfähigerer Hardware und immer besserer Software die Operationen doch stets schleppend vor sich gehen, ob bei der Arbeit am stationären PC oder in Computernetzen.20
Diese technischen Restriktionen wie auch die bereits erwähnten sozio-kulturellen Begrenzungen führen eine empirische Differenz zwischen Mythos und Realität ein, die den Mythos aber nur umso begehrenswerter erscheinen läßt. Die Enttäuschung durch die Wirklichkeit kann freilich auch positiver Natur sein, wenn etwa die prophezeihte Apokalypse nicht eintritt. Auch hieraus geht der Mythos meist unbeschadet hervor, denn jeder nachfolgende Schritt der Computerentwicklung läßt die Apokalypse nur düsterer werden.
So scheint es, daß die Mythen um Computernetze durch empirische Ergebnisse kaum zu beeindrucken sind, solange der Computer als Wunschmaschine und Gegenstand von Angstkommunikationen attraktiv bleibt.
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Anmerkungen:
1. Platon greift hier zum Mittel der doppelten Distanzierung, indem er Sokrates eine Sage aus dem alten Ägypten erzählen läßt; außerdem richtet sich Sokrates' Argumentation nicht nur gegen die Schrift als schlechtes Mittel der Erinnerung und bloßem Schein der Weisheit sondern auch gegen ihre (im Vergleich zur lebendigen Rede) Kontext- und Autorlosigkeit, die sie ziel- und schutzlos macht. Es sollte dabei aber nicht vergessen werden, daß Platon hier auch die Vorteile der Schrift diskutiert, dabei v.a. die durch sie ermöglichte Dauerhaftigkeit.
2. Mit dem Kratylos ist Abwertung der Sprache gegenüber den Ideen und dem Wesen der Dinge zumindest in der Philosophie für lange Zeit beschlossene Sache. Die Sprache wird nunmehr als bloß sekundäres, rein äußerliches Werkzeug der Gedanken, nicht aber in ihrer genuinen Kommunikations- und Welterschließungsfunktion begriffen.
3. So schreibt Müntzer (1978: 34) in der Vorrede zu seiner Deutsch-evangelischen Messe: "Es läßt sich nicht länger aushalten, daß man den lateinischen Worten will eine Kraft zuschreiben, wie die Zauberer tun, und das arme Volk viel ungelehrter aus der Kirche hinaus- als hineingeht…"
4. Die Einführung der staatlichen Zensur datiert auf diese Zeit zurück (vgl. Fang 1997: 26).
5. "This pattern of renunciation and acceptance has a long history. New technology invariably possesses the aura of unreality at their outset, and then march steadily toward the natural world." (Johnson 1997: 30).
6. Dabei handelt es sich immer schon meist um militärische und ökonomische Wirkräume. Die historische Zweckbindung der Technik an die militärisch-ökonomische Sphäre ist besonders im Zusammenhang mit Kommunikationstechnologien immer wieder hervorgehoben worden; vgl. hierzu etwa Weibel 1989: 81-111.
7. Oder in der apokalyptischen Fassung: "'Welt' ist mithin der Titel für ein virtuelles Besatzungsgebiet", das von der "Universalmaschine" Technik besetzt wird (Anders 1987: 112).
8. Vgl. hierzu optimistisch etwa: Feigenbaum/McCorduck 1984; auf der pessimistischen Seite: Roszak 1986. Zur Entwicklung der KI aus philosophischer Perspektive vgl. Zimmerli/Wolf 1994.
9. Roszak 1986: 66f. Vgl. hierzu auch erhellend Lem 1981: 152ff.
10. Zu den euphorischen Machtphantasien vgl. Roszak 1986, der eine hervorragende Sammlung von einschlägigen Zitaten der KI-Forscher zusammengestellt hat, zu den apokalyptischen Verschwörungstheorien vgl. ebenfalls Roszak 1986, der bei seiner Kritik der euphorischen Mythen gar nicht zu merken scheint, daß er selbst einen negativen Gegenmythos erzeugt, der mitunter verschwörungstheoretische Züge annimmt.
11. Man vergegenwärtige sich hier nur einmal die Differenz zwischen lochkartengestütztem Ein-/Ausgabe-Betrieb, kommandosprachengestützten Schnittstellen bis hin zu modernen "benutzerfreundlichen" GUI's (Graphic User Interfaces); zur Interface-Kultur vgl. auch Johnson 1997.
12. Vgl. Winograd/Flores 1989, sowie Turkle 1995, Kap. 1: "The Seduction of the Interface".
13. "Schließlich muß jedoch ein Zustand eintreten, in dem es sich als unmöglich erweist, die Übermittlungskapazität der Wissenschaft weiterhin in dem Tempo zu steigern, wie es das Wachstum der Informationsmenge erfordert. Es fehlt an Kandidaten für die Wissenschaft. Genau das ist die Situation der 'Megabit-Bombe' oder (…) der 'Informationsbarriere'." (Lem 1981: 143).
14. Für die Euphoriker: Tofler 1980, für die Apokalyptiker: Virillo (1995).
15. Zu einer präzisen Analyse der Problematik der "have-nots", "know-nots" und "do-nots" und zu möglichen Ausweichstrategien vgl. Tapscott 1998: 255-280.
16. So z.B. Al Gore, der tatsächlich und ernsthaft behauptet, daß der Information Superhighway alle ökonomischen, sozialen, politischen und ökologischen Probleme unserer Zeit lösen wird; ähnlich übrigens auch Newt Gingrich (vgl. Thornton 1996).
17. Vgl. z.B. die Geschichte des "cross-dressing psychiatrist" Lewin, der als querschnittsgelähmte Julie in einem Compuserve ChatForum bekannt und berüchtigt wurde (in: Stone 1995: 69ff.
18. Zum Verhältnis von Telepathie und Komunikation vgl. auch Steuer 1997; zum Verhältnis von Virtual Reality und Telepathie vgl. Riou 1997.
19. Der Text wurde übrigens ohne direkten Bezug zur Computerkommunikation geschrieben.
20. Hier läge der Ansatzpunkt einer informatorischen Ökologie, die sich mit der Verschwendung von Rechenkapazitäten und unnötig mitlaufenden Sub- und Hintergrundprogrammen so zu beschäftigen hätte, wie etwa die Umwelt-Ökologie mit Energie- und Ressourcenverschwendung.
© Bernhard Debatin 1999